Shoppingsysteme mit Zukunft: Produktwolken am Horizont?

Sind Produktwolken die Zukunft des E-Commerce?

Wenn man, wie wir seit gut einem Jahr, in die Runde fragt, wie denn wohl das Shoppingsystem der Zukunft aussieht, dann erntet man erst einmal verstörte Blicke: "Wie? Shopsystem der Zukunft?" – und dann kommt meist als Antwort: "Ganz klar: Wie heute, nur besser."

Offenbar sind wir so an unsere Systeme gewöhnt, dass sich die wenigsten ernsthaft vorstellen können, dass E-Commerce-Systeme auch komplett anders aussehen können – und wohl auch werden. Schon weil die E-Commerce-Anwendungen weitaus anders aussehen werden als bisher.

Polyvoreset

Produktcollagen bei Polyvore

Sehr spannend aus Exciting Commerce Sicht ist deshalb die Revolution in der Datenhaltung, die sich im Rahmen des Cloud Computing, also beim, vereinfacht gesprochen, verteilten
Betrieb von Web-Anwendungen, abspielt. Hier tut sich gerade einiges an neuen Perspektiven auf.

Denn so wie Google für die Verwaltung seiner riesigen Datenbestände längst keine gewöhnlichen (=relationalen) Datenbanken mehr nutzt, baut auch Amazon in der Datenhaltung auf eigene, für das Netz optimierte Datenbankstrukturen. Nur so ist der Zugriff auf das Amazon-Produktuniversum und die Berechnung und Verwaltung der Bewertungsstrukturen und der persönlichen Produktempfehlungen für Millionen von Nutzern einigermaßen zu stemmen.

Suchen in der Großen Liste

In den vergangenen Monaten sind sowohl Amazon (seit Dezember 2007) als auch Google (seit Mai 2008) mit ihren Datenbankstrategien an die Öffentlichkeit gegangen. Und so wird auch zunehmend klarer, wie die beiden in ihren Bereichen jeweils führenden Datenhalter (für Informationen bzw. für Produkte) denken. Immer noch lesenswert ist der GigaOm-Artikel ("Amazon SimpleDB 101 & Why It Matters")

"Tersely put, SimpleDB is hugely disruptive. It will take some time to
evolve the new thinking patterns and new design disciplines that this
technology forces us to consider."

Die Daten werden nicht mehr im klassischen Sinne katalogisiert, sondern in weitaus einfacheren und leichter handhabbaren Datenstrukturen gehalten.

Etsyconnections
Connections bei Etsy

Google bezeichnet BigTable als "A Distributed Storage System for Structured Data" (s. Wikipedia) – und Amazon beschreibt sein SimpleDB-System wie folgt:

"A traditional, clustered relational database requires a sizable upfront
capital outlay, is complex to design, and often requires a DBA
to maintain and administer.

Amazon SimpleDB is dramatically simpler,
requiring no schema, automatically indexing your data and providing a
simple API for storage and access.

This
approach eliminates the administrative burden of data modeling, index
maintenance, and performance tuning.

Developers gain access to this
functionality within Amazon’s proven computing environment, are able to
scale instantly, and pay only for what they use."

Faszinierend zu sehen, wie im Datenbankbereich das Tabellenmodell (und die darauf aufsetzenden Verzeichnis- und Katalogstrukturen) an Bedeutung verlieren. Daten werden einfach als mehr oder weniger komplexe Objekte in eine große Liste gepackt – und mit einfachen Operationen ausgewertet und gefiltert.

Das gibt natürlich einigen zu denken, die es gewohnt sind, in relationalen Strukturen zu denken und diese Lösungen als Rückschritt empfinden ("Back to the Future for Data Storage").

Stylightwolke

Produktwolken bei Stylight

Faszinierend sind diese Entwicklungen auf technischer Ebene auch deshalb, weil sie ziemlich gut mit dem korrespondieren, was wir auch auf inhaltlicher Ebene erleben: Strukturen lösen sich auf. Oder wie es David Weinberger in seinem letzten Buch so griffig formuliert hat: "Alles fällt unter Sonstiges" ("Everything is Miscellaneous"), Unordnung als Programm:

"Unser Denken in festen Kategorien führt uns auf Dauer nicht weiter, wir
müssen lernen, mit Chaos, Unordnung und Unschärfe umzugehen.

Nur so
lässt sich verstehen, warum Projekte wie Wikipedia funktionieren, warum
YouTube, Flickr und iTunes so populär und erfolgreich sind."

Für den E-Commerce heißt das, langsam wegzukommen vom Denken in schon hochgradig vorstrukturierten Datenbeständen – und Systemlösungen zu schaffen bzw. vorhandene Lösungen zu nutzen, die höhere Freiheits- und Vernetzungsgrade erlauben.

Vielleicht sollte man also statt von Produktkatalogen besser von Produktuniversen sprechen – oder gar, um im Bild zu bleiben, von Produktwolken. Vielleicht ist aber auch – sicher ganz in Weinbergers Sinne – der Wühltisch das E-Commerce-Modell der Zukunft. Wer weiß, was uns die Zukunft bringt.

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Open Source, Optaros

12 replies

  1. Sehr gut! Jetzt beschäftigen Sie sich wieder mit neuen Themen! ;-)

  2. Da werden dann die Wühl-Tools immer wichtiger. Spannend!

  3. Wo ist iTunes ungeordnet oder unscharf?

  4. Das einzige unscharfe, ist die Verwischung von Zielgruppen. Ich glaube auch nicht, daß das alle auf alle Branchen anzuwenden ist. Wenn ich Schraube Y1 suche/für mein Projekt brauche, kaufe ich nicht plötzlich auch noch Schraube X2 und Z3, weil die so toll aussehen und ins Produktuniversum passen.
    Nein, ich glaube, wir werden zukünftig noch mehr Longtail-Zersplitterungen sehen, Shops, die sich auf einzelne Nischen festbeissen und dort durch eine erfrischende Produkttiefe mit fachlicher, inhaltlicher Strukturierung glänzen. Quasi das Gegenmodell zu der oben beschriebenen “immer mehr, immer grösser, immer breiter”-auflösungserscheinung.

  5. Schöner Artikel!
    In dem Zusammenhang ist http://www.oskope.com ein interessanter Ansatz, um in diesen e-Commerce Wolken der Zukunft zurecht zu kommen.
    Natürlich hat sich Amazon selber auch schon mit http://www.windowshop.com in diese Richtung bewegt.
    Sicher wird es eine Phase geben, in der noch mehr e-Commerce Seiten den Mut haben neue Wege einzuschlagen. Die Frage ist nur, ob es einen geben wird, der für alle funktioniert.

  6. Das ist auf jeden Fall mal ein spannendes Thema, auch wenn der technische Exkurs da nicht unbedingt passt.
    Das Shops bis jetzt in Kategorien geordnet sind, hat jedenfalls mit den Datenbanken und den Tabellen darin nichts zu tun – und auch in den angesprochenen Lösungen greift man letzten Endes auf Tabellen zurück.
    Und mal abgesehen davon, daß Bigtable und simpledb ganz unterschiedliche Sachen sind – gerade die klassischen relationalen Datenbanken sind schon immer dazu gedacht gewesen, Daten so zu verwalten, daß man sie in jeden beliebigen Kontext packen kann; nur leider werden dbs meistens nur mit einem bestimmten Problem im Hinterkopf angelegt und dadurch enstehen Probleme, wenn man die Daten in einem anderen Kontext verwenden will.
    Das kriegt man mit simpledb aber z.B. auch super hin. :-)
    Ansonsten stimme ich den Vorrednern zu – alternative Navigationssysteme werden kommen und sind wichtig, die klassischen werden aber auch bleiben, weil man manchmal eben nicht stöbern, sondern schnell zum Ziel will.

  7. Das sind für mich primär zwei Ebenen:
    1) die technische, die v.a. durch die Cloud-Modelle komplett neue spannende Ansätze bringt.
    2) die visuelle, d.h. wie gehen wir mit Datenmengen in Zukunft um – und speziell in Onlineshops. Hier ergeben sich äusserst kreative Möglichkeiten, Sortimente und Produktkategorien intuitiv und emotional visuell aufzubereiten. Ich bin überzeugt, hier hat uns Apple mit iTunes und v.a. dem iPhone einen gewissen Weg vorgegeben, wie schnelles visuelles Browsen durch grosse Datenbestände attraktiv möglich ist. Das wird die Erwartungshaltung der Anwender nachhaltig beeinflussen.
    In den Kommentaren ist bereits oskope.com und windowshop.com von Amazon genannt worden. Etwas älter, nicht minder spannend ist auch http://browsegoods.com/.

  8. @Dennis es geht nicht nur um ein immer mehr, immer breiter, sondern um die Frage, wie werden vielfältige Darstellungsmöglichkeiten möglich. Oder anders gesagt: Warum sieht heute ein Modeshop immer noch aus wie ein Elektronikshop? Nicht zuletzt doch auch, weil sie im Zweifel dasselbe System nutzen (müssen).
    @Alexander Das ist genau der Punkt: Warum sollte es ein System geben, das für alle funktioniert?
    @Georg Dittrich Ich behaupte ja auch nicht, dass SimpleDB und BigTable etwas miteinander zu tun hätten, sondern dass die Vielfalt, seine Daten zu verwalten, steigt. Auch dass Amazon als erfolgreichster Online-Händler sich bewusst gegen ein relationales Modell entscheidet, muss man nicht gutheißen, sollte einem aber zumindest zu denken geben. Zumindest denen, die Amazon nacheifern ;-)
    Generell finde ich, ist es einfach an der Zeit, sich auch auf der technischen Ebene mit alternativen Modellen und Lösungen zu befassen. Denn oftmals ist es die Technik, die die schönsten Ideen und Darstellungsformen zunichte macht.

  9. Meiner Meinung nach wird es nicht mehr die allumfassenden Systeme, wie derzeit bestehend, geben. Sondern Systeme werden sich in unzählige Module bis zur kleinsten vorstellbaren Funktion aufspalten.
    Diese Module selbst werden zum Geschäftsmodell, denn es ermöglicht Innovationen durch eine Vielzahl von Menschen. Und Innovationen sind handelbar. Wer meint dies sei das derzeitige App-Modell bekannter Hersteller, der irrt. Es wird darum gehen Funktionen abzubilden und nicht Anwendungen.
    Abstrakt betrachtet dient eine Holidaycheck einer bestimmten Funktion, die Urlaubsportale gerne mit abbilden würden. Dies ist auf so gut wie jede Anwendung übertragbar. Die Angebote werden jedoch immer differenzierter. Immer mehr Service wird gefordert, etwas was selbst von den großen Anbietern kaum noch stemmbar ist. Im Hinblick auf die Darstellung weitestgehend unmöglich. Und schon sind wir wieder in den DB-Strukturen. Es müssen also Lösungen gefunden werden die intelligente horizontale Strukturen ermöglichen. Die Anwendungen werden sicherlich in der “Cloud” sein, jedoch vor allem wegen des Zeitvorteils, der multiplen Übertragbarkeit und einem bis heute nur wenig genutztem Umstand. Der Verknüpfung mit jeglichen, selbst den entferntesten Angeboten. Automatisch und technologiegetrieben, nicht von Menschenhand, durch Kooperationen und Besitzstandwahrungen der Unternehmen.
    Sobald sich die Anbieter in diese Richtung bewegen wird gleichfalls etwas sehr interessantes passieren. Die horizontalen (innovativen) Module stellen ein eigenes handelbares Geschäftsmodell dar. Modelle, die, so verwegen bin ich zu behaupten, weit über das hinausgehen, was uns das Live oder Club-Shopping heute beschert und womöglich selbst eine Daseinsberechtigung für Dekaden haben.
    Denn blicken wir zurück, so ist nicht der Katalog das Modell, sondern der Versandhandel, ein Modell, dass in seiner heutigen Form lediglich durch die Technik überhaupt machbar ist.

  10. …ich sehe die Diskussion vor allem aus Datenhaltungssicht für spannend, da mit großen Datenmengen aktuell vor allem die Performance mitskaliert. Hier werden also alternative Ideen greifen müssen.
    Meine Erfahrung bzgl. von Zugangswegen ist die, dass die klassischen (Struktur-)Wege nicht zu schlagen sind. Je nach Businessmodell haben die Suche und die klaren, genreorientierten Zugangswege weit über 90% Relevanz.
    Wie und warum verändern sich das Shoppingverhalten, damit alternative Zugänge erfolgreich werden?

  11. Die alternativen Zugangswege sind ein spannendes Thema. In den nächsten 2-3 Jahren wird sicher die strukturierte Aufbereitung anhand einer guten Navigation & Suche den Löwenanteil des Shopping-Wegs ausmachen. Aber die neuen Wege bringen vielleicht ein wenig mehr Erlebnis und ein Mehrwert zur Erkundung der Produktvielfalt.
    Bie der Beschäftigung mit der visuellen Suchen (Pixsta, like.com, usw.) fällt auf, dass die Technologie zunächst sich sehr attraktiv anfühlt, dann aber die hohen Erwartungen des Users beim konkreten Shoppen nicht erfüllen kann. Da ist noch einiges zu tun.
    Der Zugang auf die Daten in unstrukturierter Form ist meiner Ansicht nach schon bei Mac OSX gelöst. Die Suche ist schnell und umfasst das gesamte System – ohne dass der User sie unbedingt strukturiert hat, werden die Ergbnisse übersichtlich präsentiert. Insofern liegt wahrscheinlich einiges an Potential in der Herangehensweise von Apple – wie eben bei der Suche oder dem iphone zu sehen.

  12. @Roy Ich finde, das trifft den Nagel ziemlich gut auf den Kopf, und deckt sich mit meinen Erwartungen :-)
    @Pete Mich wundert bei derlei Vergleichen immer, woher die “Erfahrung” kommt. Abgesehen von Vente-Privée gibt es doch noch kaum ausgereifte Alternativmodelle, die man einem ernsthaften Vergleich unterziehen könnte …

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