Umbrüche im Buchmarkt: Die neuen Entfaltungsmöglichkeiten

von Matthias Hell

„Der einzelne Mensch, der sich mit Haut und Haaren dagegen
wehrt, von einer Maschine oder von einem Algorithmus oder von einem System
beherrscht zu werden, flüchtet sich zu den Dingen, die ihn unmittelbar
betreffen. Das ist dann ein Roman.“

Hanser-Verleger Michael Krüger gibt in der Zeit (Ausgabe
47/2012) den wandelsresistenten Verlagsmann in Reinkultur. Und auch KiWi-Chef Helge
Malchow, der in dem drei Printseiten umspannenden Gespräch zum Thema "Wie wollen wir lesen?" die Rolle des Innovationsbefürworters einnimmt, kommt nicht über
ein unverbindliches „Durch die Digitalisierung und das Internet ergeben sich
doch neue Chancen!“ hinaus. Dabei zeigen die aktuellen Turbulenzen in der Verlagslandschaft einmal mehr, wie wenig der Rückzug in den hochkulturellen
Schmollwinkel taugt, um den unaufhaltsamen digitalen Wandel kreativ mitzugestalten (Zusammenfassung im Buchreport)

Neue Vertriebsmodelle

SCHULBUCH-O-MAT:
Dass Lehrbücher im digitalen Publishing eine Vorreiterrolle einnehmen, ist
bekannt – ebenso wie das im Buchbereich besonders weit fortgeschrittene
Crowdfunding. SCHULBUCH-O-MAT verbindet nun beide Trends und will auf diese
Weise offene und freie elektronische Schulbücher publizieren. (via Neunetz)

Blurb:
Self-Publishing-Dienste beschäftigen sich in der Regel mit der Publikation von
E-Books, weshalb Blurb eine interessante Lücke schließt: Das Startup bietet den
Selbstverlag von Magazinen an – elektronisch und in Print. (via Good
eReader
)

Sakkam Press: Der
E-Book Verlag betrachtet sich nicht nur als Publisher, sondern auch als
CMS-Dienstleister für Corporate-Kunden. Denn für Sakkam Press CEO Robin Birtle
machen E-Books im Business-Kontext in vielen Fällen mehr Sinn als wesentlich
unbequemer lesbare PDFs. (via Publishing
Perspectives
)

Neue Erzählformen

E-Book-Serien: Als
Erweiterung seiner Romanserie „Die Legenden der Albae“ veröffentlicht der
Fantasy-Autor Markus Heitz im Monatsrhythmus 10 Kurz-E-Books, die erst im
kommenden Jahr in gebündelt in Buchform erscheinen. Im Buchreport-Interview
verdeutlicht Heitz die Vorteile des digitalen Serienformats:

„Welche Entfaltungsmöglichkeiten bietet Ihnen das E-Book?

Heitz: Im Grunde die alten Tugenden der künstlerischen
Freiheit. Jede Autorin und jeder Autor hatte schon mal Ideen, die für kleinere
odergrößere Projekte, aber nicht für einen Roman ausreichten. Dennoch sind die
Ideen und Welten zu schön, um sie mit einem Schulterzucken zu verwerfen. Dafür
ist das E-Book perfekt! Anderes Stichwort: Nebencharaktere und angedeutete
Plots in Romanen. Sie können vertieft und ausgebaut werden.

Immer mehr Verlage und Autoren setzen auf das digitale
Serien. Warum?

Heitz: In meinem Fall ist es die Umsetzung der ohnehin seit
einem Jahr vorhandenen Idee, eine Anthologie rund um die Albae herauszubringen.
Es entstand beim Überlegen die Idee, die Anthologie vorab als E-Book-Variante
Stück für Stück herauszubringen, ehe die gedruckte Version in einem Jahr kommt.
Wenn man so möchte, ist es das gleiche Konzept von Musik-Album und
Single-Auskopplungen. Der Vorteil: Man kann die Leserschaft damit überraschen,
neugierig machen und -nicht zuletzt- das Projekt permanent im Gespräch halten.“

Sony Wonderbook:
Eine Mischung aus E-Book und Augmented Reality will Sony mit dem „Wonderbook“
auf die Playstation bringen. Nun erscheint als erster Titel in Kooperation mit
Pottermore J.K. Rowlings „Book of Spells“. (via Chip.de)

Struktureller Wandel

Amazon: Nachdem
amerikanische Buchhändler ankündigten, keine von Amazon verlegten Printausgaben
zu verkaufen, hat die Boykott-Stimmung auch Großbritannien erreicht: Im
Nachfeld einer Parlamentsdebatte über die Steuerpraktiken internationaler
Konzerne werben unabhängige Buchhändler nun mit „We Pay Our Taxes“ um patriotische
Konsumenten und legt
der „Mirror“ nahe
, Amazon zu meiden – als wenig überzeugende Alternative empfiehlt
das Boulevardblatt allerdings die Buchkette WHSmith. (via The
Bookseller
)

Buchhandel im Umbruch

Thalia: Einst
konnten die Flächen gar nicht groß und repräsentativ genug sein. Nun heißt es
bei Thalia „Think small“: Zusammen mit dem schwedischen Medienunternehmen
Bonnier eröffnete der strauchelnde Filialist jetzt die ersten beiden „Pocketshops“
(via Buchreport)

Unter der Rubrik Buchlos in die Zukunft
bringen wir jede Woche das Spannendste zu
den strukturellen Umbrüchen in der Buchbranche.

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Buchhandel

2 replies

  1. Immerhin hat sich Michael Krüger den Titel “Virenschleuder 2012″ verdient und sich darüber durchaus gefreut (http://ow.ly/ftNXr). Er redet zwar stark gegen die digitale Welt, aber fördert intern den Wandel bei Hanser seit langem. Das Tun ist ja im Zweifel wichtiger als Worte. Interessant nur, warum aus seiner Sicht diese Art Rhetorik notwendig zu sein scheint.

  2. Vielen Dank für den Hinweis auf den “Virenschleuder”-Preis für Hanser. In der Tat ist die Youtube-Serie “Michael Krüger spricht” (http://bit.ly/SHGnuW) eine gewisse Relativierung für das Bild des “wandelsresistenten Verlagsmanns in Reinkultur”. Aber vielleicht kommen die Verlage mit den digitalen Möglichkeiten vor allem dann noch recht schlecht klar, wenn es um die Produktion und Konsumption von “hoher” Literatur geht (und darum dreht sich ja das “Zeit”-Gespräch). Handelt es sich dagegen um prosaische Aspekte wie das Marketing, steht man neuen Technologien deutlich aufgeschlossener gegenüber. Dafür würde auch sprechen, dass gerade Publisher von Wissenschaftstexten, Ratgebern, Populärinhalten etc. viel öfter zu den digitalen Vorreitern zählen.

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