Der Online-Druck steigt von Jahr zu Jahr. Und weit schneller als die Branche dies erwartet (siehe 55 Thesen zum Buchmarkt 2025(!)), ist der traditionelle Buchhandel dabei zu kollabieren. Nach dem amerikanischen und dem britischen steht inzwischen auch der deutsche Buchhandel zum Verkauf.
Die Douglas-Holding, "von der Wucht der (Online-)Welle" überrascht, will Thalia loswerden (auch wenn sie das als Verkäuferin so nicht sagen darf). Wer also Vorstellungen hat von der Zukunft des Buchhandels, der kann momentan das ein oder andere Schnäppchen schlagen.
Wir hatten das drohende Ungemach für den vormaligen Branchenführer vor einem Jahr so formuliert: Thalia knackt die Umsatzmilliarde, Amazon zieht vorbei und später ausgeführt in Die Borders-Pleite und die Folgen für den Buchhandel.
Was kommt nach dem Buchhandel (wie wir ihn bisher kannten)?
Die Menschen lesen heute mehr denn je und dank Amazon & Co. bzw. durch den direkten (Online-)Zugang zur Leserschaft können heute mehr Autoren vom Schreiben leben denn je. Nicht gerade zur Freude der "Content-Industrie", die wohl weniger das Wohl vieler, neuer Autoren (und deren Leser) als das Wohl der bisherigen Gatekeeper, der Verlage und des stationären (Buch-)Handels, im Auge hat.
So propagiert der Branchenverband der Buchindustrie in seiner Mischung aus Hilflosigkeit und Verzweiflung weiter das Prinzip Buch – anstatt etwa das Prinzip Lesen oder ein zeitgemäßes Leseerlebnis in den Vordergrund zu stellen. Nicht einmal unsere Freunde vom bvh würden heute noch das "Prinzip Katalog" propagieren (wobei sie da inzwischen durchaus weiter sind als viele ihrer Mitglieder).
Die Branche, die wir im Industriezeitalter als Buchbranche kannten (und durchaus liebgewonnen haben), wird gerade neu erfunden (siehe Das Bermudadreieck der Buchbranche). Zeitgemäße Lese-Angebote, neue Vertriebsmodelle und -Plattformen entstehen (siehe Was macht das "Buch" der Zukunft aus?), die mit dem Buch in seiner überlieferten Form nicht mehr viel zu tun haben.
Spannende Zeiten für alle, die nicht in erster Linie den Besitzstand (= das gedruckte Buch) wahren wollen, sondern ein echtes – kulturelles, gesellschaftliches wie wirtschaftliches – Interesse an viel gelesener, hochwertiger (Fach-)Literatur haben.
Ob und wie schnell deutsche Innovationstreiber diese Zukunft aktiv (mit)gestalten können, hängt nicht zuletzt von einem zeitgemäßen Urheberrecht ab, das nicht alleine die Anforderungen der Industrie berücksichtigt. Aber auch das scheint ja im Rahmen der ACTA-/"Piraterie"-Debatte langsam ins öffentliche Bewusstsein zu dringen. Auch wenn sich die Industrie heftig wehrt.
Siehe zum Vergleich die Haltung von Amazon zum US-Pendant SOPA.
Viele der Absurditäten der Buchbranche bekommt man erst mit, wenn man selber aktiv beteiligt ist. Insofern war die Veröffentlichung der 50 Denkanstöße (für den Online-Handel von morgen) im Eigenverlag sehr lehrreich.
Frühere Beiträge zum Thema:
- Buchhandel im Umbruch: Von der Wucht der Welle überrascht
- Die eBook-Revolution: Was macht das "Buch" der Zukunft aus?
- Buch.de: Douglas & Co. investieren 24 Mio. € frisches Kapital
- Die Borders-Pleite und die Folgen für den Buchhandel
- Thalia knackt die Umsatzmilliarde, Amazon zieht vorbei
