Amazon hat erstmals seit langem Deutschland-Umsätze vorgelegt ("Amazon wächst 2012 auf 8,7 Mrd. Dollar") und mit umgerechneten 6,4 bis 6,7 Mrd. Euro (je nach Dollarkurs) die Schätzungen sämtlicher Branchen-"Experten" bei weitem übertroffen:
Der Buchreport hat die Zahlen einzuordnen versucht ("Amazon kontrolliert 20% des deutschen Buchmarkts"):
- Der Verband der Versandhändler BVH taxierte den gesamten Umsatz der Branche 2012 auf 27,5 Mrd. Euro;
nach Zahlen des Einzelhandelsverband HDE setzten die Onliner 2012 29,5
Mrd Euro um. Demnach kontrolliert Amazon mit 22 bis 23% fast ein Viertel
des deutschen Versandhandels. - Zum gesamten Einzelhandel
(stationärer und Versandhandel) trägt Amazon 1,5% bei. Rechnet man den
Lebensmittelanteil heraus, der rund die Hälfte des Einzelhandels
ausmacht, liegt Amazons Anteil über 3%.
Sehr schön kann man jetzt auch nachprüfen, wie seriös denn die Umsatzschätzungen der einzelnen Fachmedien und der einschlägigen "Institute" waren:
- Der Buchreport lag bei seinen bisherigen Umsatzprognosen um 40% daneben, weil er sich auf 2008er-Angaben verlassen und die Entwicklung des deutschen Marktes falsch eingeschätzt hat.
- Auch der Versandhausberater muss einräumen, dass er sich komplett verschätzt hat und bisher von 4,5 Mrd. Euro (statt 6,4 Mrd. Euro) ausgegangen war, eine Abweichung von 42%.
- Noch extremer das EHI Retail Institute ("Forschung für den Handel"), das für 2011 von 3,4 Mrd. Euro (statt 5,6 Mrd. Euro) ausgegangen ist, eine Abweichung von 2,2 Mrd. Euro oder 65%(!).
Niemand wird gezwungen, derlei Umsatzschätzungen abzugeben (bei Exciting Commerce machen wir es bewusst nicht und übernehmen sie auch nicht). Doch ist es gängige Praxis, dass speziell Online-Player wie Amazon oder Zalando von den Dienern des alten Handels im Zweifel bewusst klein gerechnet werden, um die eigene
Stammklientel nicht zu verschrecken und sich den eigenen Markt nicht zu versauen.
Bei Exciting Commerce finden wir das Treiben der "Kollegen" seit jeher unseriös und aus Marktsicht mehr als fahrlässig, denn derlei grob irreführende Zahlen haben fatale Folgen – von verfehlten Geschäftsstrategien über falsche Investitionsentscheidungen bis hin zu (vermeidbaren) Unternehmenspleiten (siehe auch "No-Line-Handel" vs. "The Connected Company")
Wir sind gespannt, ob der ein oder andere Branchen-"Experte", nachdem er sich vom ersten Schock erholt hat, nun allmählich zur Besinnung kommt und an seiner Seriosität arbeitet (beim bvh hat das bis 2006 gedauert) bzw. wie lange sich die Handelsbranche von EHI & Co. noch etwas vorgaukeln lässt.
