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Dino-Debatte: Otto-Chef poltert gegen die eigene Branche

Wer im Glashaus sitzt … Otto-Chef Rainer Hillebrand, die Nr. 2 im Otto-Konzern, sorgt derzeit in der Branche ebenso für Verwunderung wie im eigenen Haus.

Als "Gala der Dinosaurier" soll er jüngst den Versandhandelskongress bezeichnet haben. Im Interview mit der Wirtschaftswoche versucht er seine bewusst provokanten Äußerungen zu entschärfen ("Der Katalog ist unverzichtbar") – und kommt dabei zu erstaunlichen Schlüssen:

"Amazon macht im Grunde nichts anderes als wir."

Bei aller öffentlicher Schönrednerei weiß er hoffentlich am allerbesten, wie sehr dieser Vergleich hinkt. Denn Amazon ist derzeit strategisch besser aufgestellt denn je, während sich der traditionsbewusste Otto-Versand ohne klares Gefühl für die Zukunft seit Jahren in einem strategischen Vakuum bewegt.

Schon lange veröffentlicht Otto keine Zeitreihen mehr zur Umsatzentwicklung. Verständlicherweise. Denn zu deutlich klafft inzwischen die Lücke zwischen Anspruch und Realität: Während Amazon in der Branche den Takt angibt, hat Otto in den vergangenen 10 Jahren schlichtweg den Anschluss verpasst – und ein Umschwung ist nicht in Sicht:

Im laufenden Geschäftsjahr profitiert Otto von einer Reihe von Sondereffekten: Neben der Quelle-Pleite wird die aufwändige Happy-Sixty-Kampagne (mit TV-Spots und kostspieligen Anzeigen auf den Titelseiten der Bildzeitung) für einen Umsatzsprung sorgen, der aber wohl nicht annähernd so hoch ausfallen wird wie zum 50-Jährigen. Schon die Happy 55 Kampagne ist weitgehend verpufft.

Während sich der Otto-Chef nach außen siegessicher gibt, betreibt er intern Schadensbegrenzung: Doch ein eilig eingerichteter Strategiestab für den Einkauf und das anvisierte Mehrmarkenmodell sind solange wertlos, wie sich Otto auf seine desaströse Multi-Channel-Strategie versteift, die schon Quelle geradewegs in den Ruin geführt hat.

Interessanterweise empfiehlt Rainer Hillebrand seiner Branche, aus ihren "Erfahrungsgefängnissen"
auszubrechen, während es Otto selber ist, das an liebgewordenen Traditionen festhält wie kaum ein anderer.

In Kürze kann Otto deshalb ein ganz besonderes Jubiläum begehen. Denn dann wird der Versender, der eigenen Angaben zufolge 60% seiner Umsätze online macht, zum mittlerweile 25. Mal seinen Internetkatalog millionenfach ausgedruckt als Frühjahr/Sommer-Katalog 2010 an die Kunden versenden.

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