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Wie lange will der HDE den Handel noch für dumm verkaufen?

Niemand verbiegt sich derzeit in Sachen Online-Handel so sehr wie der HDE als Hauptverband des deutschen Einzelhandels, der das E-Commerce-Thema erst vor zwei Jahren groß für sich entdeckt hat, als die Handelsbranche schon längst nicht mehr von einem Online-Boom, sondern von einem Online-Tsunami sprach („Marktausblick: Die Tsunami-Jahre des E-Commerce (2011-2020)“). Und seitdem versucht, das Thema irgendwie in den Griff zu bekommen.

Verbandspolitik in Zeiten des Online-Tsunami

Auf der einen Seite hat er aufgrund der dramatischen Marktverschiebungen („Als selbst der HDE den Hockeystick für den Online-Handel entdeckte“) seinen Mitgliedern im letzten Herbst ein Massaker angekündigt: „50.000 Handelsstandorte“ werden binnen 5 Jahren verschwinden, „nach konservativen Schätzungen“, wie der HDE-Präsident bei der Eröffnung des letzten Handelskongresses (PDF) betonte.

Gegen die Online-Sorgen hat inzwischen selbst das Wetter keine Chance mehr

Auf der anderen Seite wiegelt der HDE weiter ab und versucht, wie letzte Woche auf seiner Jahrespressekonferenz, den tatsächlichen Ernst der Lage herunterzuspielen.

Mit einer „Allianz für attraktive Innenstädte“, längeren Ladenöffnungszeiten, Sticheleien gegen Zalando & Co. sowie allerlei anderen Ablenkungsmanövern will er seine Mitglieder noch möglichst lange vor den eigentlichen Herausforderungen bewahren.

„Der gesamte deutsche Handel steht zum Verkauf“

Anstatt dem stationären Einzelhandel das zu raten, was naheliegt und was dieser gerade ohnehin tun („Bis auf wenige Familienunternehmen steht derzeit der gesamte deutsche Handel zum Verkauf“), nämlich das angestammte Geschäft aufzugeben, solange es noch geht, und stattdessen aggressiv in den Online-Handel zu investieren („Was Tengelmann Douglas und Otto inzwischen voraus hat“), positioniert sich der HDE als eine Art VdK des stationären Einzelhandels.

Langjährige Leser werden sich erinnern, wie lange der b(e)vh als Verband der Katalogversender der Öffentlichkeit weismachen wollte, dass der Versandhandel der Treiber für den Online-Handel ist, bis seine Vorzeigeunternehmen reihenweise pleite gingen – und er sich nun als selbsternannter E-Commerce-Verband auf dem Weg in die Irrelevanz befindet, weil ihm Online-Kompetenz jetzt erst recht niemand mehr abnimmt.

Was wird der Handel von Görtz und Globetrotter lernen?

Nun versucht der HDE dasselbe Spiel mit dem stationären Einzelhandel und will diesen als Wachstumstreiber für den Onlne-Handel positionieren (PDF):

Dabei könnten dem HDE gerade der b(e)vh und sein letzter Verbandspräsident ein warnendes Beispiel sein.

Denn dieser nahm seine (Fehl-)Interpretationen der damaligen bvh-Zahlen offenbar tatsächlich Ernst. Und man sieht, wie weit Globetrotter mit seiner Multichannel-Doktrin gekommen ist („Globetrotter streicht Stellen: Online-Geschäft bricht um 18% ein“) – vom vermeintlichen Online-Treiber zum großen Online-Opfer („Globetrotter: Schwedische Outdoor-Gruppe übernimmt die Mehrheit“).

Gleiches gilt für Görtz („Zalando wirkt: Görtz hofft auf neue Kapitalgeber“) und andere verdiente Ladenbetreiber, die der HDE und seine Zuarbeiter von ECC und EHI in ihren einseitig gefärbten „Studien“ und auf ihren diversen Multichannel-Veranstaltungen so gerne als Helden feiern ließen und als strategisch wegweisend auf den Best-Practice-Sockel hoben.

Wie lange, so fragt man sich angesichts der aktuellen Entwicklungen, lässt sich der deutsche Einzelhandel von seinen Verbänden noch für so dumm verkaufen? Amazon, Zalando, Zooplus & Co. konnten nicht zuletzt deshalb so stark werden („Wo steht Amazon in 5 Jahren, wo in 10 Jahren?“), weil sie die Alteingesessenen jahrelang komplett unterschätzt haben – und dies größtenteils immer noch tun.

Mehr zum Thema auch in den Exchanges #42 („Zur Lage der kleinen Fachhändler“), einer der meistgehörten Folgen des vergangenen Jahres („Best of Exchanges 2014“).

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