Wie Esprit Netrada in den Abgrund zieht – und umgekehrt

Ob Netrada gerade das kränkelnde Esprit (siehe auch Esprit läuft die Zeit davon) in den Abgrund zieht oder umgekehrt ("Die Stellungnahme des Insolvenzverwalters"), wird sich zeigen.

In jedem Fall sieht man jetzt, wie strategisch riskant die Vertragsverlängerung im letzten Jahr war ("NETRADA und ESPRIT bauen eCommerce Partnerschaft aus – Vertragsverlängerung bis 2019"):

Esprit

"NETRADA ist … im Rahmen des Dienstleistungspaketes für die gesamte eCommerce
Prozesskette des ESPRIT Online-Shops zuständig: Vom Betrieb des
Online-Shops und Content Management über den Fulfillmentprozess
inklusive Retourenhandling bis zur Zahlungsabwicklung und dem Customer
Service."

Da kann es in der Vergangenheit noch so gut gelaufen sein. Spätestens, wenn die Umsatzmilliarde in Sicht ist, tut man als Online-Player gut daran, sich aus allzu großen Abhängigkeiten zu befreien und sich auf eigene Füße zu stellen.

Im Gegensatz zu Zalando und Docdata ("Zalando einigt sich mit Logistiker Docdata auf Übergangslösung") haben Esprit und Netrada den Absprung verpasst – und beide Unternehmen sind jetzt mitgefangen, mitgehangen.

Gibt Esprit das Nordamerika-Geschäft auf, muss auch Netrada aus Nordamerika raus. Schlittert Netrada in die Insolvenz, kann Esprit seine Online-Ambitionen begraben. Von C&A, Hugo Boss und den anderen Netrada-Kunden erstmal ganz zu schweigen.

Esprit hat gestern den Geschäftsbericht (PDF) für das im Juni abgelaufene Geschäftsjahr 2012/13 veröffentlicht. Dort kann sich jeder ein lebhaftes Bild machen, wie Esprit nach den Umsatzeinbrüchen im letzten Jahr gerade dabei ist, extrem auf die Kostenbremse zu drücken und versucht, mit aller Gewalt die Kurve wieder zu kriegen (siehe auch Ex-Chef von Esprit rechnet mit Nachfolger ab)

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Shopboerse

12 replies

  1. In so einer Situation (und dann auch noch kurz vor dem Weihnachtsgeschäft) Probleme mit Fullservice-Dienstleister zu bekommen, ist sicher mehr als übel.
    Könnte mir vorstellen, dass die Kunden von Netrada in den sauren Apfel beissen und Netrada finanziell unter die Arme greifen, denn die Alternative ist sicher nicht billiger.

  2. Im Esprit Bericht wird zwar sehr stark von Effizienzsteiegerungen ausgegangen, aber online wird nirgends explizit genannt. Trotzdem: Der Druck scheint immens zu sein:
    „The essence of this intended model is a higher degree of vertical integration to ensure that information, decisions and actions flow rapidly across all key areas of our business, including to and from our external partners. While this concept may sound “theoretical”, it has very specific implications for our organization, our product ranges, our retail and wholesale network, our processes and tools, and our way of working in general.“

  3. das Thema ist nun auch nicht so spektakulär, dass man sich da derart dran festbeißen muss!

  4. mal abwarten … das Leserinteresse sagt zumindest etwas anderes.

  5. Doch, doch, ich finde das schon ziemlich spektakulär, vielleicht weniger wegen Netrada selbst als vielmehr wegen seiner Kundschaft. Da ist es mehr als spannend, was da jetzt passiert. Wie ich oben schrieb, ich gehe davon aus, dass die alle zusammenlegen und Netrada finanziell aushelfen. Alles andere wäre viel teurer.

  6. Ich gehe wenn, dann eher von einer Zerschlagung aus. Die Wettbewerber werden sich die Rosinen schon herauszupicken wissen und die lukrativsten Accounts übernehmen. Spannend bleibt, was aus Esprit wird.

  7. Ich mag mich irren, aber ich sehe da keine Rosinen. Grosse Marken ja, aber die Verträge dürften wenig lukrativ sein, sonst hätte Netrada jetzt nicht solche Schwierigkeiten. Fullservice ist eigentlich ein ziemlich undankbares Geschäft. Der Deal ist, so kenne ich das, „Ihr gebt uns die Ware und die Marke und wir machen Euer Online-Geschäft und dafür bekommen wir x% des Umsatzes“.
    In der Realität reden die Brands dann aber in dieses Online-Geschäft gewaltig rein und schon sind die effizienten Standard-Prozesse keine mehr und die Sache wird teurer und teurer. Man darf den Kunden aber auch nicht verlieren, denn der muss mindestens 5 Jahre bleiben, sonst funktioniert die Rechnung gleich gar nicht. Dazu kommt, dass man als Fullservice-Dienstleister meistens kaum bis gar keinen Einfluss auf die Produkte hat. Gerade bei Mode ist es so, wenn sich der Textilant mit einer Kollektion komplett vertut, hat man zwar die Kosten (Lager, Marketing etc.), die Umsätze kommen aber nicht.
    Mit Esprit hatte Heycom damals ganz dolle Glück, das dürfte sie dann aber verlassen haben.

  8. ESPRIT hat doch noch Fiege als weiteren Fulfillmentdienstleister und mit diesem gerade in Neuss ein neues Lager eröffnet. Von daher kann ich nicht einschätzen, wie stark sich die Nestradainsolvenz auswirkt,

  9. @Chris: b2b / Wholesale Geschäft ist logistisch etwas komplett anderes als b2c / Online Geschäft.
    Dies hat z.B. Street One auf der ersten K5 Konferenz mal sehr gut dargestellt.

  10. @Thorsten: schon klar!
    War bis eben der Meinung Fiege macht auch b2c für Esprit…jetzt weis ich mehr – Danke!

  11. Ich kenne die Hintergründe nicht so genau, aber auch in diesem Fall verschwindet ein Dienstleister sicher nicht grundlos vom Markt bzw. gerät grundlos in Schwierigkeiten. Auftraggeber sollten sich mal fragen, ob man Preise wirklich immer bis zum allerletzten verhandeln und drücken muss. Am Ende muss auch ein Diensleister mit seinen Aufträgen kostendeckend arbeiten können und idealerweise Geld für notwendige Investitionen erwirtschaften. Aber erst wenn der letzte Dienstleister die Segel gestrichen hat, werden Esprit, C&A und Co. merken, dass es schön ist, nicht alles selber machen zu müssen …

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