Quelle-Krise: Neckermann protestiert gegen Quelle-Rettung

Die Ereignisse um Quelle spitzen sich zu. Die Süddeutsche Zeitung machte am Samstag schon mal mit einer Art Todesanzeige für Quelle auf ("Quelle ist nicht überlebensfähig"):

Quelleaus

Während Quelle-Chef Konrad Hilbers seinen Katalogkunden gerade noch vollmundig verspricht (PDF): "Heute und in Zukunft: Wir sind für Sie da. Sie können sich auf uns verlassen!", fällt ihm nun auch noch sein einstiger Geschäftsführerkollege Henning Koopmann in den Rücken.

Der neue Chef von Neckermann, das selber ums Überleben kämpft, protestiert gegen eine Quelle Rettung ("Quelle kann weder Strom noch Telefon bezahlen"):

"Ich finde es unfair, wenn Quelle vom Staat unterstützt wird", sagte
der Versandhausmanager der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"
und forderte, die Regierung solle nicht eingreifen.

"Ein Staatskredit
macht momentan vielleicht 8000 Arbeitsplätze bei Quelle sicherer,
gleichzeitig macht er aber 72 000 Arbeitsplätze bei den anderen
Versendern in Deutschland unsicherer."

Ob der Quelle-Versand noch jemanden findet, der ihm Geld leiht, entscheidet sich am Montag. Die Aussichten dürften schlechter stehen denn je, nachdem nun bekannt ist, was ohnehin zu vermuten war: dass selbst Arcandor Quelle im Zweifel Karstadt geopfert hätte.

Immerhin: Der neue Quelle-Katalog ist inzwischen "vorab exklusiv online" zu besichtigen:

Quellekatalog

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Ultimondo

  1. Kann Neckermann hier gut verstehen – nicht die Finanzkrise oder sowas ist Schuld daran dass es Quelle nicht gut geht sondern allein das Management das den Trend Internet verschlafen hat. Nun gibt es eben neue Globalplayer wie Amazon und Co.
    Schade um die Arbeitsplätze!

  2. Koopmann ist der Letzte. Hat selber das Unternehmen mit in den Ruin getrieben. Er hat nachweislich weder Strategien, noch Visionen, geschweige denn operative Führung in seine Ressorts bei Quelle ‚reingetragen. Auf seine Kappe gehen eine verkorkste Marketing- und Kundenausrichtung und eine halbherzige e-Commerce-Umsetzung.
    Das Gleiche blüht nun Neckermann mit so einem Mann an der Spitze.
    Er hat weder die Mannschaft hinter sich, noch den Markt vor sich. Otto macht heute noch die Sektflaschen auf, dass man jemand wie ihn an den Mitbewerber losgeworden ist. Der Zeitzünder ist bei Quelle schon hochgegangen. Bei Neckermann liegt das Kukucksei wieder im Nest.
    Armes „Sun Capital“, aber mit so einem Artikelbeitrag, in dem früheren Mitarbeitern versucht wird der verbale Todesstoß zu verpassen, disqualifiert sich so ein Mensch sowohl fachlich als auch menschlich selber.

  3. Dazu sage ich nur: If there is no competition, maybe there is no market…

  4. Ein Urteil darüber zu fällen, welchen Anteil Henning Koopmann tatsächlich an dem Quelle Desaster hat, kann ich mir mangels Wissen nicht erlauben. Sofern Kommentator pierre ihn kennt und/oder bei Quelle gearbeitet hat, muss man sein hartes Urteil natürlich akzeptieren.
    Das Koopmanns Aussage ein „Geschmäckle“ hat, ist dabei unzweifelhaft richtig, denn die öffentlich gemachte Aussage, der Staat solle seine vor kurzem verlassene Ex-Firma nicht unterstützen, klingt ein bisschen wie die bittersüße Abrechnung mit einer geschiedenen Ex-Frau. Aber nun gut, Manager sind eben keine Eigentümer und unterliegen insofern einem permanenten Loyalitätswandel ;o)
    Rein makroökonomisch betrachtet hat er dennoch recht, sofern die Berichte über den Zustand bei Quelle annähernd richtig sind bzw. bezogen auf die Tatsache, dass der Staat eigentlich nicht mit Steuergeldern Unternehmen stützen darf, die offenbar nicht nur insolvent sondern auch ohne annähernd greifbares Zukunftskonzept dastehen, die also einfach nur frischen Wein auf Staatskosten durch verrottete Schläuche pumpen wollen.
    So besch*** das für einzelne Mitarbeiter bei Quelle ist (die mir wirklich, wirklich leid tun); ein staatlicher Zuschuss würde wiederum die Situation anderer Mitarbeiter in anderen Unternehmen dieser Branche verändern, die doch das gleiche Recht auf ihren Arbeitsplatz haben und vom Staat kein Geld bekommen, um gegen den (dann steuerfinanzierten) Werbedruck des Mitbewerbers anzuhalten.
    Es gibt im Markt immer wieder strukturelle Bereinigungen und dabei keine Unterscheidung in „förderungswürdige“ und „nicht förderungswürdige“ Arbeitsplätze sondern es gibt entweder Unternehmen, die es verstehen, ihre Kerngeschäftsmodelle dem Wandel der Zeiten rechtzeitig anzupassen (dann kann/muss man in Notsituationen auch einen staatlichen Zwischenkredit erteilen) oder Unternehmen, die alles einfach veschlafen, statt dessen Schaufensterpolitik veranstalten und dann am Ende ihrer Unfähigkeit ihre tausenden, gefährdeten Arbeitsplätze als Drohkulisse für die Erlangung von Staatskohle in sicherer Deckung vor sich her schieben.
    Letzters hat mindestens so viel „Geschmäckle“ wie der nonchalante Seitenhieb eines Ex-Managers.

  5. Es ist auch zu fragen, ob Händler überhaupt staatlich unterstützt werden sollten. Sie stellen nichts her, sie besitzen keine Patente, sie schieben nur Ware durch, die andere hergestellt haben, auf Basis von Patenten, die andere ersonnen haben.
    Händler ermöglichen bis auf wenige Ausnahmen (Amazon Marketplace, Ebay) auch nicht anderen, Handel zu treiben – sind also einzeln nicht systemrelevant.
    Solange es mehrere Bezugsquellen für ein Produkt gibt, hat das Verschwinden eines Händlers keine volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Und durch das Internet nimmt ja die Zahl der Händler (oder handeltreibender Einzelpersonen) immer weiter zu, statt ab.
    Es gibt bei Händlern also kein politisches Mandat für einen Eingriff in den Markt.
    Die Politik sollte sich darum kümmern, den betroffenen Menschen und Gemeinden zügig unter die Arme zu greifen, damit sie sich neu orientieren können.
    Alternativ könnte wie bei den Banken der Staat Eigentümer der Händler werden – nur ob die Politik wirklich so tief in die Zentralverwaltungswirtschaft einsteigen möchte, ist zu bezweifeln.

  6. Wenn der Handel auf ein Monopol zulaufen würde, hätte nach der Monopoltheorie der Staat die Pflicht, einzugreifen, auch wenn Händler selbst keine physischen Produkte erschaffen (sie erschaffen ja aber Dienstleistungen). Insofern ist der von VHV geäußerte Hinweis an sich richtig.
    Aber wie dieser Blog hier beweist, sind wir ganz weit von einem Monopol entfernt, denn es gibt hunderte competitors (Händler) und im Rahmen des eCommerce entstehen fast täglich neue, wie wir hier ja zu recht immer lesen können.
    Insofern hat shopfan wiederum recht, was konkret bedeutet: Herr Seehofer sollte im Moment lieber aktive Strukturwandel-Politik und -Unterstützung leisten anstatt Staatskredite für marktinkonforme Business Modelle zu fordern. In seiner Haut als Landeschef möchte ich dennoch nicht stecken, denn für die meisten Quelle-Mitarbeier und die Region geht’s halt kurzfristig um die blanke Existenz. Dass die im Moment kein Ohr für makroökonomische Diskussionen haben, kann ich auch irgendwie verstehen. Diesen schwierigen Spagat aus menschlich nachvollziehbarem Aktionismus und langfristiger Perspektive muss man als Politiker eben immer wieder managen.
    Sollte am Montag der Kredit doch bewilligt werden, läuft es am Ende meiner Meinung nach trotzdem auf eine Abwicklung einiger Unternehmensteile hinaus, denn das Gesamtkonstrukt Quelle, da hat Schrader von Otto einfach recht, ist als Ganzes schlichtweg nicht rettbar, weil es sozusagen mit riesigem, Ministeriums-ähnlichen Personalaufwand Öllampen in Zeiten der Vollelektrifizierung verkaufen will.
    Insofern: Toi toi toi nach Fürth!

  7. Ich habe mir die Mühe gemacht und einmal den kompletten Quelle-Katalog durchgeklickt – da war nichts drin, was nach einer eigenständigen Leistung ausgesehen hätte. Langweilige Fotografie, uninspirierte Texte, eine Ansammlung von austauschbaren Produkten. Die Quelle.de ist an der Oberfläche zudem ganz schick, sobald man jedoch in die Tiefe geht, schlecht strukturiert und bietet einfach nicht das, woran Amazon, Weltbild, Terrashop und andere uns gewöhnt haben: exzellenter Online-Service.
    Produktsuchmaschinen und sogar Google liefern weit mehr Produkttreffer, Testberichtseiten die Bewertungen, Fachzeitschriften und Konsumentenportale die Absicherung, ob der Kauf sich lohnen könnte und Preise wie Verfügbarkeiten sind online schnell recherchiert.
    Die Masse der Ware bei Quelle ist völlig austauschbar und überall sonst auch zu bekommen, meist mit einer größeren Sortimentsbreite und -Tiefe.
    Da hat Herr Seehofer schon sehr recht: so ein Unternehmen besteht nur noch aus Tradition und grundsätzlicher Leistungsfähigkeit, jedoch bedeutet beides nicht viel, wenn die Konsumenten weder traditionell einkaufen, noch für Dienstleistungen an sich bezahlen wollen.
    Die Verlage, die bisher gut am Drucken der Kataloge und an den Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften für die Kataloge der Versender verdient haben, müssen jetzt sehr aufpassen: wenn es einen Marktführer so erwischt, kippen auch auch die Finanzierungen eigentlich gesunder Kleinversender oder Spezialversender.
    Die Banken werden eine schärfere Risikobewertung vornehmen und stärker auf den Online-Anteil am Umsatz und Marketingmix schauen.
    Sind erst einmal die Lieferantenkredite gekürzt, hapert es mit der Warenbeschaffung, was zu weniger Umsatz und auch Gewinn führt, weil die Fixkosten erst einmal bleiben.
    Am Ende des Jahres wird es wohl dramatisch weniger klassische Versender geben und die „Überlebenden“ zielen auf einen Online-Anteil von 50 %.

  8. was noch anzufügen ist:
    Wieviel haben die Ebay-Powerseller doch gleich Umsatz generiert?
    Ein paar Miönchen warens doch, oder?
    Auch das fehlt bei Quelle und co.
    Früher hat man seine Socken halt nur bei Quelle oder Neckermann bestellen können oder (weit) fahren müssen um zu Hertie oder Karstadt zu kommen. Heute ist alles nur einen Mausklick weg und das Angebot ist nicht nur von anderen Firmen, sondern auch von Privat besetzt und dann noch der Gebrauchtmarkt bei Ebay…
    Wer soll also noch im Katalog bestellen?
    Wobei ich noch gerne Fachkataloge nutze die auch das Produkt und die Anwendung beschreiben.
    Aber bei Socken hilft auch das nix.
    Deshalb:
    Die Arbeitsplätze die wegfallen sind (tut mir leid) schon lange verlagert und wurden nur noch künstlich am Leben erhalten.
    Aus und vorbei deshalb lieber Staat:
    Lieber das Geld Opel schenken. Danke!

  9. …Das Dilemma bei Quelle wird m.E. bereits auf der Startseite deutlich: Den Hauptkatalog zum Durchblättern. Deutlicher kann man nicht dokumentieren, dass man eCommerce nicht verstanden hat… das ist ja so, als ob man die Produktlisten von quelle.de ausdrucken und 1:1 an den Kunden schicken würde, inkl. den Links.

  10. > Aus und vorbei deshalb lieber Staat:
    > Lieber das Geld Opel schenken. Danke!
    Ähh, nein. Besser das Geld mal niemandem schenken und statt dessen Staatsverschuldung runter…

  11. Das echte Dilemma der Quelle ist doch seit Jahren ein Mut- und Entscheidungsvakuum, gepaart mit einem zerfledderten Bereichswesen das an unabhängige Fürstentümer erinnert, welches eine notwendigerweise radikale Selbsterneuerung und Restrukturierung verhindert. Machterhalt um jeden Preis…
    Zumeist scheint dies den im Laufe der 80 Jahre Versandhandelserfahrung gewachsenen und völlig undurchsichtigen Strukturen geschuldet, die offenbar sowohl Hr. Eick als auch die Herren Piepenburg und Hilbers letztlich überrascht haben. Man kann nur hoffen, dass nun mal alle Fakten auf den Tisch gekommen sind und man sich, sobald man den Schrek der Tage abgeschüttelt hat, um die Bewertung des Geflechts kümmert…
    Zu dem Bericht von Hr. Koopmann kann ich nur (m)eine Meinung äußern: bei allem Verständnis für „wechselnde Loyalität“ ist doch der Zeitpunkt für einen Manager, der zumindest teilweise die Situation der Quelle mit zu verantworten hat, für ein solches Intierview mehr als daneben. Nicht wirklich inhaltlich falsch oder hetzend, trotzdem charakterlich sehr zweifelhaft.
    Was man nicht vergessen sollte, ist doch, dass die Quelle trotz allem „Wasserkopf“ und trotz aller Komplexität ein wahnsinniges Momentum in Richtung ECommerce aufgenommen hatte und nun leider durch undurchsichtige politische Spielchen und die daraus resultierende Insolvenz gestoppt wurde. Hier kann man den Mitarbeitern nur Respekt zollen, die in einem solchen Umfeld zu wirklich außergewöhnlichen Leistungen fähig waren.
    Da gehört deutlich mehr dazu, als mit VC einen kleinen verlustreichen Start-Up Shop mit 5 Mitarbeitern auf die Beine zu stellen!
    Ich hoffe, dass die Quelle einen – wenn auch sehr schmerzahften – Weg findet die Marke schnell ins digitale Zeitalter zu führen. Und das kann kaum ein 1400-Seiten Katalog als Sortimentsgrundstein sein!
    PS: auf br-online.de kann man sich mal den wirklich amüsanten Bericht des Satiremagazins „quer“ ansehen :)

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