Otto-Bilanz 2012/13: Gewinn ohne Wachstum kostet 1.324 Jobs

Einmal im Jahr lädt der Otto-Konzern zur Märchenstunde Bilanzpressekonferenz nach Hamburg. Der Videomitschnitt ist inzwischen online, und man sollte ihn durchaus mal im Vergleich zur Hauptversammlung der Metro-Gruppe von letzter Woche betrachten.

Wie immer will der Otto-Konzern demonstrieren, dass er den Anforderungen des (Online-)Marktes gewachsen ist und sieht sich wie stets auf dem allerbesten Weg ("Otto Group erreicht deutlichen Gewinnanstieg"). PR-seitig ausgeblendet und schön gezeichnet wird alles, was nicht in dieses Bild passt. Siehe auch den Geschäftsbericht 2013, der diese Woche erschienen ist.

So erfährt man beispielsweise nichts von den Quelle- oder Mirapodo-Flops oder dass Otto im abgelaufenen Geschäftsjahr, dem Jahr der Neckermann-Pleite, weniger die Wachstumschancen genutzt hat (das ist der Eindruck, den der Konzern zu vermitteln versucht) als vielmehr stark auf die Kostenbremse getreten ist und alleine im Versandgeschäft unterm Strich 1.324 Stellen (4,4% der Belegschaft) abgebaut hat. Auch die Zentrale musste 4% der Stellen lassen:

Ottomitarbeiter

Zur Orientierung: Vor fünf Jahren, im Geschäftsjahr 2008/09 (PDF), hatte Otto im Versand noch 33.724 Beschäftige. Seitdem wurden insgesamt 4.784 Beschäftigte oder jeder siebte Job abgebaut. Das viel beschworene "nachhaltige Wachstum" heißt für Otto im Stammgeschäft also vor allen Dingen, kräftig Personal sparen.

Dass man sich trotzdem über einen neuen Mitarbeiterrekord freuen kann, liegt am Inkassogeschäft im Bereich "Finanzdienstleistungen", das innerhalb der letzten beiden Jahre von 5.111 auf 9.262 Beschäftigte ausgebaut worden ist, zum Teil durch Übernahmen. Passend dazu porträtiert die Wirtschaftwoche Otto in ihrer aktuellen Ausgabe als "Deutschlands größten Schuldeneintreiber".

Nachdem Quelle und Neckermann implodiert sind, steigt der Druck auf Otto. Und der Versender muss sich als quasi letzter seiner Art nun wohl oder übel an neuen Versendern und Wettbewerbern wie Amazon oder Zalando messen lassen ("Wie der Handelskonzern seine Zukunft aufs Spiel setzt"). Das missfällt dem Konzern und so appelliert Konzernchef Schrader für Otto-Verhältnisse sehr eindringlich an die Pressevertreter, Otto doch bitte nicht immer am Versandhandel zu messen, geschweige denn am Online-Handel oder den agilen Newcomern.

Der Otto-Konzern ist genügsam geworden. Ihm reicht es neuerdings schon, wenn er etwas stärker wächst als der Einzelhandel als Ganzes. Keine Spur mehr von den "Best of Class"-Ambitionen der früheren Jahre. Und wenn, dann misst man sich am liebsten an sich selbst.

Einerseits. Andererseits eifert man doch mit Zalando & Co. Und so grenzt es fast schon ans Absurde, wenn sich der Otto-Chef zunächst einen Vergleich mit den Onlinern verbittet, um Otto sofort darauf als die Nr. 1 im Online-Handel mit Möbel zu feiern.

Wie immer ist dies nur eine Sichtweise der Realität. Für das volle Bild empfehlen wir auch die Pressemitteilung, die Geschäftsberichte, die Hofberichte sowie die Bilanzpressekonferenz selber.

Mit der Transformation des Otto-Konzerns hatten wir uns bereits kürzlich befasst.

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Ultimondo

  1. @Jochen, was hast Du gegen die Kostenersparnis / Personalabbau.
    Es ist doch völlig normal, dass ein Konzern seine Kostenstrukturen überprüft und nachjustiert und wenn Otto sieht, dass man an einigen Stellen die Leute nicht braucht an anderen dafür schon, ist das doch ok.
    Ich halte Otto auch nicht für sonderlich dynamisch, aber wenn man ohne Umsatzwachstum mal eben ne Umsatzverdopplung aus dem Ärmel schütteln kann, ist das schon bemerkenswert. Und wie Du schon sagst, Kosten sparen ist sicherlich wenig innovativ, aber doch ziemlich wirkungsvoll. Blöd wird es erst, wenn bei gleich bleibenden Umsätzen auch noch die Gewinne wegbrechen. So ist die Aussage, dass man „die Schlacht um Marktanteile nicht mitmacht“ durchaus noch valide. Um Zalando mache ich mir als Gegenentwurf nicht so viele Sorgen (wie einige hier) als vielmehr um die ganzen x VC-gepimpten anderen Modelle aus dem Hause Samwer und Co. Was die machen, ist alles beeidruckend, die Frage aber ist, was passiert, wenn Kinnevik & Co mal irgendwann keine Lust mehr haben.

  2. Gegen Personalabbau und Entlassungswellen ist nichts einzuwenden, nur sollte man dann auch dazu stehen und auf der PK nicht ein völlig anderes Bild zeichnen.

  3. Auch wenn das Geschäftsmodell Inkasso nicht gerade ein populäres und positives Thema ist, zeigt es dennoch, dass Otto auch fernab vom Kerngeschäft interessante Geschäftsfelder erfolgreich betreibt.
    Viele große Unternehmen verdienen in „schlechten“ Zeiten mehr Geld mit Sekundäraktivitäten als im Kerngeschäft. Gerade diese Diversifikation läßt viele Konzerne in schwierigen Wirtschaftssituationen überleben und unterscheidet sie von den „Verlierern“.
    Als gutes Beispiel nehme ich da gerne den VW-Konzern, der manches Jahr mehr Geld durch Volkswagen Financial Service verdient hat, als durch das Kerngeschäft, den Verkauf von Autos.

  4. Sehe ich genauso. Im Goldrausch damals sind auch nur die Schaufelhersteller reich geworden. :-)
    Wenn man heute Dienstleistungen rund um den Versandhandel / eCommerce profitabel anbieten kann, muss man nicht zwangsläufig mit jedem Webshop vorn mit dabei sein.
    Dazu bedarf es aber trotzdem schlanker und effizienter Strukturen.

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