Netrada soll das Wachstum zum Verhängnis geworden sein

Was ist die Ursache für die plötzliche Insolvenz von Netrada? Langsam verdichten sich die Anzeichen dafür, dass Netrada zu wenig Kapital für seine ambitionierten Wachstumspläne hatte:

Netradahome

"Wie die Hannoversche Allgemeine online berichtete, sei nach Angaben von
Eckert der Wachstumskurs der jüngeren Vergangenheit, für den die
Kapitalausstattung nicht ausgereicht habe, ausschlaggebend für die
finanzielle Schieflage bei Netrada.

„Gemeint sind damit vor allem der Bau des Logistikzentrums am Kronsberg in Hannover für 50 Millionen Euro im ersten Bauabschnitt sowie weitere Investitionen am Standort Langenhagen“, schreibt die Zeitung."

Spekuliert wurde in den letzten Tagen, ob die Investoren die Reissleine gezogen haben. Hier gab es heute ein Dementi gegenüber der Textilwirtschaft:

"Apax weist diese Vorwürfe allerdings strikt zurück: „Wir haben zu keinem
Zeitpunkt finanzielle Mittel entzogen oder sonstige Entnahmen
getätigt“, sagte ein Firmensprecher der TextilWirtschaft.

Zudem betonte
er, dass die Apax Funds über fünf Jahre hinweg „massiv mit Eigenkapital“
in Netrada investiert hätten. Dabei sei der Investor stets eine „starke und verantwortungsvolle“ Unterstützung Netradas gewesen."

Vor dem Wochenende hatte der Insolvenzverwalter eine erste Erklärung abgegeben. Bis nach Weihnachten können die Mitarbeiter vom Insolvenzgeld bezahlt werden und die Geschäfte erst einmal fortgeführt werden.

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Shopboerse

10 replies

  1. Naja, übersetzt heisst das, sie haben für das Logistik-Zentrum einen grossen Kredit aufgenommen, dessen Bedienung aus dem laufenden Geschäft erfolgen sollte. Wenn dieses allerdings zu wenig abwirft, können die Kredite nicht mehr bedient werden.
    Es liegt also sicher nicht am Wachstum an sich, sondern am wenig profitablen Wachstum. Da kann man wohl dem Netrada-Management nicht mal einen grossen Vorwurf machen, die Sache hat sich einfach blöd entwickelt, wahrscheinlich besonders bei Esprit.

  2. Ich denke, hier sollte man bei APAX zwischen den Zeilen lesen: Es wurde kein Geld entnommen, aber auch kein weiteres nachgeschossen.
    Wenn das Geschäftsmodell / Management / Zukunftsausrichtung aber so tragfähig gewesen wäre, hätte APAX sicherlich gerne nachinvestiert.
    Der Bau des Logistikzentrums wird eh finanziell von einem Drittanbieter gestemmt.

  3. Ich befürchte die Auswirkungen der Netrada-Insolvenz werden immer noch unterschätzt. Wenn ein Private Equity Fond wie Apax mit 20 Mrd Einlage ( http://de.wikipedia.org/wiki/Apax_Partners ) für eine Beteiligung, die er vor 5 Jahren für rund 500 Millionen übernommen hat ( http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/konkretes-angebot-apax-uebernimmt-ds-europe/2946890.html ), über sein selbst eingesetztes Management ( http://www.netrada.com/fileadmin/pdfs/Pressemitteilungen/Press_release_NETRADA_08022013.pdf ) Insolvenz anmelden lässt, glaubt er nicht mehr an das Geschäftsmodell und, schlimmer noch, die Chance, die Beteiligung selbst mit einem hohen Abschlag zum Erwerbspreis zu veräußern. Außer Hermes fällt mir spontan keiner ein, der eine Fortführungsperspektive entwickeln könnte. Ohne Synergien mit einem bestehenden Geschäft scheinen die aktuellen Outsourcing-Verträge keine Werthaltigkeit zu besitzen.

  4. Nicht nur der Investor war offenbar nicht mehr willens, Geld nachzuschiessen. Auch die Netrada Kunden wie u.a. esprit, sind offensichtlich nicht in der Lage oder motiviert genug, die Insolvenz ihres wichtigsten Dienstleisters zu verhindern. Das gibt einem doch sehr zu denken.

  5. Danke für die ergänzenden Infos/Hinweise. Kann mich auch nur wundern, wie lässig über das Thema hinweggegangen wird.

  6. Betrifft ja ausser die Kunden niemanden wirklich. Die trifft das dafür knüppeldick, denn was jetzt an Investitionen und Umstellungen auf sie zukommt, wird sicherlich schmerzhaft. Gerade bei Esprit und C&A sehe ich da einiges und das zu Unzeit.
    Auch Demandware wird ganz schön schwitzen, denn wird der Fulfiller getauscht, geht u.U. auch der Shop woanders hin.
    Was wirklich interessant ist, das dürfte der Abgesang auf das Fullservice-Geschäftsmodell sein, das so in der Form einfach nicht funktioniert. Von daher ist Deine Anmerkung, Jochen völlig korrekt: Wenn man eCommerce ernsthaft (gross) betreiben will, sollte man sich die Kompetenz ins Haus holen.

  7. Ich dachte immer C&A wäre auf IBM?

  8. Die Kommentare sind sehr interessant. Zu schreiben, dass ein Fullservice-Geschäftsmodell keinen Sinn macht bzw. nicht rentabel zu betreiben wäre oder es schlechter ist als Inhouse oder eine Zusammenstellung von separaten Services/Dienstleistern finde ich zu pauschal. Warum soll ein Full-Serive Dienstleister weniger Ertragschancen haben als alle eingesetzte Dienstleister zusammengerechnet?
    Ich finde vor allem die Frage spannend, wie viele Marken, insbesondere bei Fashion, einen Onlineshop mit hohem Umsatz und Ergebnis betreiben können. Die meisten Marken die das auf Grund der Zielgruppe, des Sortiments und der Bekanntheit erreichen können, sind ja schon verteilt. Die potentiellen Neukunden mit einer bestimmten Größenordnung sind/waren bei Netrada sicherlich überschaubar.
    Ggf. wird das neue Lager ja von Amazon oder Zalando übernommen. Vielleicht könnte man ja auch an eine Kooperation nachdenken. Das Lager/Fulfillment bedient sowohl die Zalando und die eigenen Shops. Vielleicht entsteht dann auch eine WinWin-Situation, die beide Modelle zu einer Einsparung verhilft und somit in richtung Profitabilität.

  9. Mag sein, dass das zu pauschal ist, aber ich habe bisher noch kein Fullservice-Modell gesehen, welches über längere Zeit für beide Seiten (Anbieter u. Kunden) gut funktioniert hat. Wenn der Deal ist, dass man einen prozentualen Umsatzanteil bekommt, dann wird der Kunde, falls er erfolgreich ist, für die Dienstleistung sicher viel zu viel bezahlen. In den besten Zeiten hat Netrada (Heycom) gewaltige 17 Mio. Gewinn/ Jahr allein mit Esprit gemacht.
    Umgekehrt, wenn das Business nicht so doll läuft, weil z.B. die Produkte eher schwer online zu vermarkten sind, bleibt der Fullservice-Dienstleister auf den Fixkosten sitzen. Dazwischen gibt es in der Regel viel Zoff, Reibereien und Schuldzuweisungen. Ich würde gern ein grösseres Projekt (>50 Mio. Umsatz) sehen, wo beide Seiten sagen: „super!“. Kennt jemand eins?

  10. Anmerkung zu Claus : „wenn das Business nicht so doll läuft, weil z.B. die Produkte eher schwer online zu vermarkten sind, bleibt der Fullservice-Dienstleister auf den Fixkosten sitzen. “ Das passiert „natürlich“ nur dann, wenn er sich vertraglich verpflichtet hat, einen ganz bestimmten SLA durchzuhalten. Dann ist das wie in der Autoindustrie als Zulieferer von XXX. Wenn keine Autos gebaut werden, werden auch keine Zulieferungen benötigt.
    Allein: Der Vergleich trifft auf Netrada nur beschränkt zu, denn Netrada hätte sehr wohl für andere ECommerce`ler seine Leistungen anbieten können. Das ging aber eben nicht aufgrund der SLA`s die mit C&A/ Esprit etc. vereinbart waren. Wenn dem so ist, sind die Schwankungen in der Auslastung im Zusammenspiel mit den SLA`s das eigentliche Problem.

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