E-Commerce für Frauen: Der Beginn einer neuen Ära

E-Commerce ist Männersache. Vom Konzept bis zum System machen die Jungs das, was sie für toll und richtig halten. Und ob oder wie gut das dann bei Frauen ankommt, ist erstens nachrangig und zweitens deren Sache. Im Zweifel ist das Internet/der E-Commerce eben eine Männerdomäne – und die Frauen (sind "zu dämlich" und) hinken der (allgemeinen) Entwicklung (einfach mal wieder) hinterher.

Denn immer noch gilt: Im Internet sind die Männer das Maß der Dinge. Die Bedürfnisse der Frauen werden weitgehend ausgeblendet, um nicht zu sagen: sträflich missachtet:

"Gut zu erkennen ist auch, dass Frauen ein grundlegend anderes Internet wollen als Männer. Je mehr sich das Social Web durchsetzt, umso deutlicher tritt diese Kluft auch in Befragungen zutage."

Seit den legendären Shoppingspuren von 2005 werden wir nicht müde, immer und immer wieder auf diese Problematik hinzuweisen, die alleine den deutschen E-Commerce jedes Jahr Milliardenumsätze kostet: Frauen ticken in bestimmten Dingen grundsätzlich anders als Männer – und nirgendwo tritt dies offener zutage als im Shoppingverhalten. Frauen lieben Abwechslung und die persönliche Ansprache, Männer Vergleichbarkeit und die große Auswahl, Frauen bummeln gerne, Männer wollen schnell zum Ziel.

Deshalb müssten E-Commerce-Angebote für Frauen auch grundlegend anders aussehen sein als Angebote für Männer, geschweige denn das, was Jungs für frauengerechten E-Commerce halten:

"Man sollte bei aller Tech-Euphorie auch immer bedenken, dass Frauen eher Low- und No-Tech-Nutzerinnen sind, sprich: nicht die Technologie ist ausschlaggebend, sondern die Anwendung muss attraktiv und spannend sein."

Lange konnten im E-Commerce die Techies im Silicon Valley den Ton angeben. Währenddessen hatte echter E-Commerce für Frauen ohnehin keine Chance, und er hätte sie wohl auch heute noch nicht, wenn da nicht plötzlich ein paar Franzosen gekommen wären, die mit Technologie so rein gar nichts am Hut hatten, die aber wussten, was Frauen wollen und damit einen sensationellen Online-Erfolg hatten.

Erstmals in der Online-Geschichte stand bei einem E-Commerce-Konzept nicht die Technologie Pate, sondern ein ebenso einfaches wie geniales Verkaufskonzept ("eine Art E-Mail-Marketing deluxe"): Gib den Frauen, was sie lieben (also zum Beispiel den ewigen Schlussverkauf), und sie rennen dir die Bude ein.

Das Silicion Valley sieht E-Commerce immer noch vor allem als technologische Herausforderung. Deshalb kommt das, was wirklich spannend ist im E-Commerce, heute auch kaum noch aus dem Tal der Techies. In den USA haben sich Chicago (Threadless, Groupon), Boston (Ravelry, Daily Grommet, Gemvara) und New York (Birchbox, Etsy, Gilt) zu vielversprechenden Zentren für neuen E-Commerce entwickelt.

Wenn alles so weiterläuft, die Investoren ein zunehmendes Einsehen haben und die Techies nicht wieder Oberwasser gewinnen, ist E-Commerce für Frauen nicht mehr aufzuhalten. Allerdings nur, wenn sich alle Beteiligten vor Augen führen, wie sehr Frauen von der techfixierten Onlinewelt diskriminiert werden, die – von den Endgeräten bis zu den Shopsystemen – immer noch wie selbstverständlich davon ausgeht, dass das, was für Jungs passt, auch für Frauen gut genug ist.

Weit gefehlt. Doch bevor wir tiefer in das Thema "E-Commerce für Frauen" einsteigen, hier schon einmal die wichtigsten Beiträge der letzten sechs Jahre:

Mehr zum Thema auch in unserem Buch, das statt "E-Commerce für Fortgeschrittene" genauso gut auch "E-Commerce für Frauen" hätte heißen können. In Form von 50 Denkanstößen sind dort die offenen Wunden und die verborgenen Chancen des Online-Handels dargestellt. Vieles dreht sich um die Frage: Wie kommen wir zu emotional reichhaltigeren Shoppingkonzepten? Und wem gelingt es als erstes, in großem Stil in diese immer noch weithin offene Flanke des E-Commerce vorzustoßen und damit den Online-Markt für E-Commerce komplett aufzurollen?



Kategorien:Exciting Commerce

  1. 100% einverstanden – sehe das auch immer wieder in meiner Tätigkeit als Dozent für Onlinevertrieb. Testen Studenten einen Shop, dann fällt der eine bei Jungs durch, die bei Frauen top sind und vice-versa. Die Geschlechter ticken definitiv anders – insbesondere im E-Commerce.
    Bsp: http://www.digitec.ch/ProdukteAuswahl2.aspx?knr=365 (nur Content-Frame) ist für Männer in Tests das Mass aller Dinge – für Frauen schlichtwegs ein Graus.

  2. Ja, aber ich würde bewusst noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass das, was wir heute unter „Shop“ verstehen, schon das heutige Frauenpotenzial nur zu max. 30% ausschöpft.
    „Shops“ sind (von Männern) für Männer gemacht – und selbst wenn man sie pink anmalt und kleine Bilder mit viel Text durch große Bilder mit wenig Text ersetzt, wird daraus noch längst kein Konzept, das Frauen anspricht (ums mal bewusst platt zu formulieren :-)
    Um Frauen adäquat anzusprechen, brauchen wir völlig neue Denkmodelle (siehe die Beispiele im Text).

  3. Vielleicht sollte man sich generell von den plakativen geschlechterspezifischen Ansätzen verabschieden und sich hinbewegen zu rein nutzungsorientierten Szenarien.
    „DIE FRAUEN“ ist so verallgemeinert, dass man damit gar nichts erreicht.
    Spätestens bei der Sonder- oder Mischformen wie „Mann kauft von der Frau geleitet ein“ kommt man mit der Denke nicht mehr weiter :)

  4. Ich halte von dieser „Frauen – Männer“ Einteilung auch nichts. Es gibt durchaus Frauen die ähnlich wie Männer denken und andersrum. Apple ist ein gutes Beispiel, dass eine Ansprache geschlechtsunabhängig sehr gut funktionieren kann. Es hängt vom Angebot ab möcht ich damit sagen.
    Es geht einfach um die Motive der entsprechenden Käufer/innen.
    Ein Ventee-Privee spricht deshalb sehr viele Frauen an weil Frauen generell stärker modeinteressiert sind und auch viel häufiger Bummeln oder (Fashion-)Shoppen als Männer. Tausche diese Produkte bei Ventee aus durch typische Männerthemen (Auto-Zubehör, IT, was weiß ich noch alles…) und schon sind diese Seiten – obwohl nicht technikgetrieben – auch so erfolgreich wie die Frauensites.
    Ich kenne Frauen die extrem viel Wert auf ein getuntes Auto legen – oder ein sehr teures Auto. Wieviele Frauen tun das? Vielleicht 5% wenn überhaupt… diese 5% werden von den gleichen Motiven geleitet wie der „typische“ Mann.

  5. @Roland: völlig korrekt – mir sind inzwischen immer mehr Frauen bekannt, die besonders beim Online-Shoppen einen „no frills“ Ansatz bevorzugen und hauptsächlich online kaufen, weil sie dort gezielt die Artikel erhalten, die sie im stationären Handel nicht beziehen konnten. Aber auch das ist nur eine Gruppe unter vielen…

  6. „Vielleicht sollte man sich generell von den plakativen geschlechterspezifischen Ansätzen verabschieden und sich hinbewegen zu rein nutzungsorientierten Szenarien.“
    Ja das sollte man.

  7. „plakative geschlechterspezische Ansätze“ sind aber, im Vergleich zu einer Einteilung nur nach Altersgruppen und Einkommen des Nutzers, schon ein grosser Fortschritt. Weil’s eben eine Dimension ist, die noch vergleichsweise oft ignoriert oder falsch verstanden wird…
    Es gibt natürlich immer eine feinere, spezifischere Ansprache, aber man sollte sich da auch nicht überfordern bzw. es gibt auch eine Grenze, in wieweit es da Sinn macht sich mit zu beschäftigen. Und wenn man jetzt von, sagen wir mal 3 Altersgruppen * 3 Einkommensgruppen übergeht zu einem Ansatz indem man das mal 2 multipliziert, für Geschlechterspezifisches Targeting, dann ist das schon ein erheblich Gewinn an „passender Ansprache“ und wohl noch ein vertretbarer bzw. notwendiger Mehraufwand.
    Wenn ich jetzt allerdings weitergehe und einordne wie Technik-affin die Leute sind, in 3 Stufen, wie Mode-affin, in 3 Stufen, wie Sport-affin, in 3 Stufen usw. dann erreiche ich wohl relativ schnell den Punkt, wo das nurnoch komplizierter wird, Mehraufwand bedeutet und kaum mehr zu begreifen ist, aber kein Vorteil mehr daraus resultiert. Oder zumindest kein Vorteil, der noch irgendeinen Wert hat.
    Kurz gesagt: Ich denke bei Segmentierung gibt’s ne „diminishing marginal utility“ in Verbindung mit „expontially increasing costs“! ;)

  8. Das Problem der geschlechterspezifischen „Ansprache“ (im wortwörtlichen Sinne) haben wir mit fotograf.de leider bereits kurz nach Eröffnung unserer Facebook Page erlebt.
    Neben den unterschiedlichen Bedürfnissen von Männern und Frauen können in manchen Fällen, wie dem unseren, auch „männliche Domains“ (fotograf.de) und eine „männliche Zielgruppe“ (Fotografen) Probleme bereiten.
    Ich kann mir vorstellen, dass dies natürlich auch bei Skifahrern, Designern, Bergsteigern und vielen anderen Gruppen der Fall sein könnte.
    In der Vergangenheit habe ich zugegebenerweise Begriffe wie „Fotograf“ oder „Skifahrer“ als quasi geschlechtsneutral betrachtet.
    Manche (glücklicherweise wenige) Fotografinnen sehen das jedoch anders.
    Ich kenne leider keine Shops oder SaaS-Anwendungen, die elegant mit dieser Tatsache umgehen.
    Wie steht ihr zu diesem Thema?

  9. Danke für die vielen (Jungs-)Kommentare, die noch einmal bestens das mangelnde Problembewusstsein veranschaulichen.
    Und eben weil dies auf männlicher Seite nicht vorhanden ist und das Ganze als unnötiges Nichtthema abgetan wird, muss man das Thema mE so plakativ aufziehen.
    Ich habe in letzter Zeit viele Frauen vor Männern zu ihrem Shoppingverhalten befragt, und es ist ernüchternd, wie Männer größtenteils aus allen Wolken fallen, wenn sie mitbekommen, wie Frauen wirklich shoppen (wollen) und was bei Frauen auf helle Begeisterung stößt, bei Männern hingegen auf völliges Unverständnis.
    Oder in Zahlen ausgedrückt: Es kann nicht sein, dass Frauen im E-Commerce nur 46% des Umsatzes machen, während es sonst über 70% sind.
    Frauen sind im E-Commerce also nicht irgendeine Randgruppe, für die sich der Mehraufwand nicht lohnt, ganz im Gegenteil.

  10. Na wenn wir alle so falsch liegen und du das große Geheimnis um dieses einmalige Rätsel gelöst hast teile es uns doch einfach mit :)
    Es ist nun mal so, dass sich Männer (allein weil es von vielen ein Hobby ist) besser mit dem PC oder Internet auskennen. Das kommt allein schon von der Entwicklungsgeschichte des Internets her. Da ist es doch kein Wunder dass Männer mehr online einkaufen als Frauen – dieser Wert wird sich mit Sicherheit noch verändern in den nächsten Jahren. In dieses ganze Thema spielen aber mehr Faktoren ein als nur eine „frauenoptimierte Webseite“ oder „frauenoptimierte Geschäftsmodelle“.
    Wir haben vor dem WOONIO Relaunch auch mit vielen Frauen gesprochen – vor allem auch aus dem entsprechenden Alters-Segment. Ja, Frauen wollen einiges anders als Männer aber es hängt eben auch noch vieles von dem Produkt ab.

  11. Ich gebe im Beitrag Beispiele für Shoppingkonzepte, auf die Frauen fliegen.

  12. Naja frauen und Technik ist so ne Sache:S
    Aber die Frauen tragen sehr viel wissen für Shoppingkonzepte, denn Sie wissen was die Frauen suchen.

  13. 85% unserer Kunden sind weiblich und über 30 Jahre alt/jung. Ich glaube nicht, dass man das Thema so einfach in eine Schublade stecken kann. Schliesslich entscheidet das Produkt über die Zielgruppe.

  14. Klar, aber wisst Ihr, ob Ihr nicht fünfmal soviel Umsatz machen könntet, wenn Ihr nicht auf einen Standardshop setzen müsstet, sondern auf ein Verkaufskonzept, das Frauen besser anspricht? – Es geht nicht um die Frauenquote, sondern um das verschenkte Umsatzpotenzial bei den Frauen.

  15. „Es geht nicht um die Frauenquote, sondern um das verschenkte Umsatzpotenzial bei den Frauen.“
    Daher regen mich Vorbehalte wie „Frauen und Technik… najaaa….“ auch immer so auf. Denn diese Geisteshaltung hat mMn in dieser Diskussion nichts verloren, sondern blockiert nur.
    (… wo sind eigentlich die weiblichen Kommentierer alle hin?)

  16. Guter Input, danke. Ich werde daraus in meinem nächsten Buch zitieren.
    http://www.anneschueller.de

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