Project A: Tirendo und der undurchsichtige Exit an Delticom

Wenn jemand ein halbes Dutzend Pressemitteilungen braucht, um einen Exit zu kommunizieren, dann ahnt man schon, dass es wohl weniger darum geht, die Öffentlichkeit zu informieren als zu verschleiern, was wirklich passiert ist.

Am Montag freute sich Ottos Project A über einen Exit, der bei Delticom so klang ("Online-Reifenhändler Delticom AG übernimmt Tirendo Holding GmbH"):

Tirendo

"Die Delticom AG hat heute mit den bisherigen Gesellschaftern der Tirendo Holding GmbH einen Vertrag über den Erwerb sämtlicher Geschäftsanteile des in Berlin ansässigen Online-Reifenhändlers geschlossen.

Der Kaufpreis einschließlich übernommener Gesellschafterdarlehen beträgt rund 50 Mio. Euro. Die Akquisition wird finanziert durch liquide Mittel und Kreditlinien."

Am Tag danach wurde klar, dass von einem "All-Cash-Deal" (PDF) wohl keine Rede sein kann, sondern ein guter Teil des Deals doch in Aktien (mit Earn-Out-Komponente, etc.) abgewickelt wird ("Erst Exit, dann Wiedereinstieg"), wie man das in so einem Fall auch erwarten würde.

Gründerszene spekulierte im Exit-Interview mit Project A zunächst, dass die European Media Holding (EMH), der Initiator von Tirendo, unbedingt verkaufen wollte.

Nachdem EMH aber nun bei Delticom/Tirendo weiter an Bord ist, wirkt es inzwischen eher so, als ob Project A, das sich ohnehin in einer Neuorientierung befindet, raus wollte und EMH einen Weg finden musste, Project A und die übrigen Gesellschafter herauszukaufen.

Darauf deutet auch hin, dass GP Bullhound als Corporate Finance Beratung explizit betont, bei der Transaktion ausschließlich für EMH (und nicht für die anderen Tirendo-Gesellschafter) tätig gewesen zu sein.

In jedem Fall kann/muss die EMH-Truppe sich nun unter dem Dach von Delticom beweisen. Und Delticom zumindest hat seinen ärgsten Widersacher erst einmal geschickt eingefangen.

Wer sich selber ein Bild machen will, der findet hier nochmal alle (Presse-)Meldungen:

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Kategorien:Shopboerse

  1. Gute Analyse der Vorgänge.
    Bin gespannt wie es bei Kiveda weitergeht. Dort ist nicht mal so ein eCommerce-affiner Company-Builder dabei. Einer der Gründer ist schon raus.
    Und auch bei Avandeo ist einer Gründer ausgeschieden…

  2. Also für mich liest sich das so:
    Delticom kauft Tirendo in Cash. Dafür verpflichtet sich EMH von den Altaktionären Aktien im Volumen von 20 Mio. zu kaufen.
    Sprich, in diesem Wege haben die Altaktionäre von Delticom Cash gemacht…

  3. Ich frage mich vielmehr, warum wir hier diese für das operative Geschäft vollkommen unwichtigen Spekulationen lesen. Zur gleichen Zeit wird bei Karstadt das Tafelsilber verscherbelt und Hertie wird reanimiert. Diese Stories scheinen hier nicht stattzufinden. Die sind aber viel interessanter.

  4. Vielleicht weil der Karstadt-Verkauf überhaupt nichts mit dem eCommerce zu tun hat?!
    Die Hertie-Reaktivierung hat zunächst genau so viel Potential wie die Reaktivierung der Marke Quelle (wenn nicht noch weniger weil Hertie noch nie was mit Versand zu tun hatte). Inhaltlich steht Hertie.de für alles – und doch für nichts. Keine besonderen Services, keine Preisführung, kein Produktfokus…

  5. @Roland dem könnte entgegen gehalten werden, dass auch karstadt.de online unterwegs ist. Auch geht es hier ja um exciting commerce und nicht nur um exciting Ecommerce. Wenn ein eCommerce-Player erstmals in der deutschen Internetgeschichte eine Offline-Marke der Old Economy nutzt, um vom Bekanntheitsgrad zu partizipieren, dann würde ich das als exciting definieren.
    Es ist auf jeden Fall keinesfalls exciting, wenn alle einschlägigen Blogs gleich vor Entzückung erstarren, wenn es bei den Rockets und Projekt As mal wieder eine Blähung gibt. Es wäre übrigens auch aufregender, hier was über Deine Tische nach Maß zu lesen als diese ständige Inkubator-Sülze wiederzukäuen. Denn ein Online-Reifenhändler ist ja intellektuell auch nicht so cool. und ob der excit nun undurchsichtig ist oder nicht, hat mit Handel gar nichts zu tun.

  6. @ Berliner Alle & @ Hannes: Der Nachrichtenwert der Meldung ist sicherlich überschaubar, aber die dadurch angestoßenen Gespräche (abseits des Blogs) sind überaus interessant. Es gibt aber tatsächlich noch viel Potential für gute und seriöse Berichterstattung zum Deutschen Handel und darüber hinaus. Wollt ihr beide nicht einfach mal ein Blog starten, oder als Gastautor agieren? Ihr wisst doch offensichtlich welche Themen spannend sind.

  7. Und noch ein Hinweis in eigener Sache. Zu Karstadt & Karstadt.de gibt es bald einen ausführlichen Artikel in einem einschlägigen Blog, das die beiden ersten Buchstaben mit Karstadt teilt :-)

  8. Hilft ja nix, es sind eben Inkubatoren, VCs, etc., die neue E-Commerce-Themen angehen und Perspektiven bieten. Da kommt ja wenig von den etablierten Handelshäusern. Und um Nostalgiethemen wie Karstadt & Co. kümmern sich ja wirklich genügend andere. Da ist mE ein excom-Beitrag pro Woche mehr als ausreichend.

  9. Reifenhandel oder andere (Inkubator-)Modelle, die mit viel, viel Geld in den Markt gedrückt werden, werden durch das viele Geld nicht innovativer. Und das Bravo-mäßige anschließende Spekulieren, ob es nun ein toller Exit oder ein Firesale waren, langweilen und haben mit Handel gar nichts mehr zu tun.

  10. Alle im Beitrag genannten Unternehmen sind Handelsunternehmen, mit unterschiedlichsten Strategien und Ambitionen – und Roland hat angedeutet, worum es in dem Beitrag eigentlich geht.

  11. @ reifenexperte – exakt, Spaß haben nur die Delticom-Gründer! Shopsoftware hätte die Delticom günstiger kaufen können, Marketing-Know how auch. Und Einkaufskompetenz hatte Tirendo eh nicht. Aber wenigstens ein lauter Wettbewerber weniger, und die VC-finanzierte Preisspirale nach unten etwas verlangsamt…

  12. Müssen solche blöden Kommentare auch noch veröffentlicht werden? ;-(

  13. Sorry für die Spam-Kommentare, die durchrutschen. Werden so schnell wie möglich gelöscht.

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