Buch/Handel 2020: „Mitnichten handelt es sich hier um eine Buchhandels-Krise“

von Matthias Hell

„Ich halte das für unterlassene Hilfestellung, dem Buchhändler nicht zu sagen: Es wird euch nicht mehr geben in zehn Jahren … verkauft jetzt, an einen, der leichtgläubiger ist als ihr. Dann kriegt ihr noch ein paar Euros dafür.“

Eigentlich sollte es in Kathrin Passigs Gespräch mit dem Branchenblatt „Der Schweizer Buchhandel“ (via nja.ch) ganz allgemein um den Wandel in der Publishing-Branche gehen. Doch im Kontext mit der Zahlungsunfähigkeit von Weltbild und den ungewissen Kollateralschäden für den deutschen Buchhandel („Weltbild-Insolvenz: Was wird aus Bücher.de und Hugendubel?“) bekommen Passigs Bemerkungen zur Zukunft der stationären Buchhandlungen noch einmal eine ganz andere Dimension.

Inzwischen gibt es eine große Vielzahl an Kommentaren zur Weltbild-Insolvenz. Das Spektrum reicht dabei vom Arbeitskreis unabhängiger Sortimenter (via Börsenblatt), der vor allem interne Management-Probleme und Fehlentscheidungen für die Pleite verantwortlich macht („Es handelt sich hier mitnichten um eine „Buchhandels-Krise“), über die Einschätzung von AKEP-Sprecher Steffen Meier (via Buchreport), Weltbild sei vor an einer verfehlten Produktpolitik und dem zögerlichen Engagement im E-Commerce gescheitert, bis zu Rüdiger Wischenbart, der im Perlentaucher-Blog mögliche Folgen für die Tolino-Allianz und den stationären Buchhandel an die Wand malt. Sein Resümee:

„Ein mögliches Ende mit Schrecken für den Weltbild-Konzern bedeutet für die Branche nicht unbedingt das Ende des Schreckens ohne Ende.“

Struktureller Wandel

Amazon (1): Wem nützt die Buchpreisbindung? Dem traditionellen Buchhandel, weil sie die Marktmacht von Amazon beschränkt? Oder doch eher Amazon, weil Sie der Experimentierfreude in der Buchbranche enge Grenzen setzt? Bei Neunetz begründet Marcel Weiss, warum er eher zu letzterer Auffassung tendiert:

„Man kann Amazon nur asymmetrisch angreifen. (…) Das heißt, mit Geschäftsmodellen, die sich nicht mit dem Sortimentsverkauf von Amazon vertragen. Ansätze, die Amazon im besten Falle den Boden unter den Füßen wegziehen. Zum Beispiel Abomodelle, etwa auch gekoppelt mit neuen Produktionsprozessen, spezialisiertes, vertikal integriertes Crowdfunding und spezielle Serviceansätze, die direkt an das E-Book/Buch gekoppelt sind.

Die Buchpreisbindung verhindert diese Experimente.“

Amazon (2): Dass Amazon am Rande der CES einen ersten Verkaufsautomat für seine Kindle-Geräte aufgestellt hat, klingt auf den ersten Blick nicht übermäßig aufregend. Doch stellt Wired die Initiative in einen größeren Kontext und kann sich Amazon-Automaten bald auch für andere Warensortimente vorstellen („Amazon on Every Corner“).

Mehr zu Amazon auch in den Exchanges #34 ("Was ist Amazon strategisch zuzutrauen?")

Neue Vertriebsmodelle

Oyster: Auch wenn sich der Wettbewerber eReatah/Entitle bereits neu ausrichten musste („Buch/Handel 2020: Der Wandel der Geschäftsmodelle“), scheint der Buch-Streamingservice Oyster mit seiner Positionierung als „Netflix für E-Books“ weiterhin richtig zu liegen. Investoren legten jetzt noch einmal 14 Mio. Dollar nach. (via Good eReader)

UNeditions: Noch wenig beackert ist im elektronischen Publishing-Kontext das Feld dramaturgischer Texte. Mit UNeditions versucht sich nun ein Publishing-Startup an dem geeigneten E-Format für Theaterstücke, u.a. unter Einbeziehung von Lese- und Sound-Elementen. (via The Bookseller)

Hybrid Publishers: Über Geschäftsmodelle, die sich zwischen Selfpublishing und traditionellem Verlagswesen positionieren, haben wir schon wiederholt berichtet. Forbes liefert nun einen guten Überblick zu dem Thema, bescheinigt den existierenden Anbietern aufgrund ihrer Zwischenstellung aber schwierige Marktaussichten.

Discoverability

Bessere Algorithmen: In unserem K5 Topic zur „Discoverability im E-Commerce“ betrachten wir nutzerbasierte Empfehlungsdienste als notwendiges Korrektiv für die Grenzen algorithmischer Verfahren. Joachim Leser wählt in einem lesenswerten Beitrag für den Buchreport-Blog nun den umgekehrten Weg und schlägt für den Buchhandel der Zukunft klügere Algorithmen vor.

Unter der Rubrik Buch/Handel 2020 bringen wir jede Woche das Spannendste zu den strukturellen Umbrüchen in der Buchbranche („Buchlos in die Zukunft“).

Die Rubrik gibt es auch als Feed und als E-Mail-Newsletter.

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Buchhandel

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