Groupon und die unwürdige Debatte um den Börsengang

Auch wenn der Börsenprospekt im Detail so einiges an Fragen offenlässt, um ernsthaft beurteilen zu können, wie solide und nachhaltig das Geschäftsmodell von Groupon ist, so ist doch die Debatte bezeichnend, die der angekündigte Börsengang ausgelöst hat. Mit den nun offengelegten Kennzahlen scheinen sich die wenigsten auseinandersetzen zu wollen.

Denn ob eine Bewertung von bis zu 30 Mrd. Dollar übertrieben ist oder nicht, darüber ist es müßig zu diskutieren. Groupon bringt wie jedes von Investoren begehrte Unternehmen so wenige Anteile an die Börse, dass sich durch die bewusste Verknappung so ziemlich jeder Preis erzielen lässt. Manchmal wundert man sich, mit welcher Ernsthaftigkeit, um nicht zu sagen: Unbedarftheit, derlei Börsenbewertungen diskutiert werden. Eine Börse ist wie jeder Marktplatz eine mehr oder weniger geregelte Zockerbude, in der die besten Verkäufer gewinnen. Darüber sollte man sich im klaren sein. Und ebendarum seine eigenen, unabhängigen Bewertungen anstellen.

Von den Dollarzeichen geblendet macht sich in der aktuell aufkeimenden Börseneuphorie jedoch kaum jemand die Mühe, tiefer einzusteigen und Groupon ernsthaft zu analysieren. Die meisten lassen sich von ihren Vorurteilen leiten und leben ihre mehr oder weniger latente Blasen-Schwäche aus. Aber man muss kein Groupon-Fan sein (und wer das Geschäftsgebahren kennt, wird das auch nicht werden), um das Unternehmen und seine Kennzahlen ernsthaft auf den Prüfstand zu stellen.

Die meisten sehen in Groupon lediglich das Schnäppchenportal für lokale Gutscheinaktionen, das Unmengen an Geld verbrennt. Nur wenige machen sich die Mühe, tiefer einzusteigen und Groupon zum Beispiel als einen Infrastrukturanbieter (analog zu Google, Facebook, Amazon oder Ebay) zu beurteilen, eine (Vertriebs-)Plattform, die sich für vielerlei Aktivitäten nutzen lässt.

Bei Exciting Commerce hatten wir diesen Aspekt zuletzt in den Fokus unserer Berichterstattung gestellt und in einer Fülle von Beiträgen die Perspektiven für Groupon beschrieben:

Wer sich intensiv mit den Börsenunterlagen beschäftigt, die als Verkaufsprospekt naturgemäß mehr verschleiern als erhellen, der erlebt nichtsdestotrotz auch die ein oder andere Überraschung, wie Marcel Weiß in seinem Beitrag bei Neunetz dargestellt hat.

Auch Gründerszene hat inzwischen einen lesenswerten Überblick zum angekündigten Börsengang von Groupon

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Samwer Report, Shopboerse

6 replies

  1. „tiefer einzusteigen und Groupon ernsthaft zu analysieren“
    Es geht doch darum, dass du in Groupon mehr Potenzial siehst als andere, und deswegen in deinen Augen nur das eine „ernsthafte Analyse“ darstellt, was deinem persönlichen Fazit zu Groupon entspricht.
    Vermutlich argumentieren wir alle nach diesem Muster. Das Klagen darüber, wie offenbar alle anderen zweifellos falsch liegen müssen, die nicht die wahre Bedeutung von Groupon erkennen (wie du und Marcel es offensichtlich tun), ist dennoch schwer mitanzusehen.
    Vielleicht versuchst du einfach mal, die Reaktionen der ja durchaus heterogenen Gruppe der Groupon-Kritiker (es sind keinesfalls nur Personen mit Online-Antipathie) ernst zu nehmen und die hervorgebrachen Argumente unvoreingenommen zu reflektieren, statt einfach alles mit dem Pauschalurteil „Niemand analysiert hinreichend genug“ abzutun.
    Es wäre zum Beispiel mal ein kreativer Ansatz, zu beleuchten, in welchen Punkten Groupon anders agieren müsste, um sowohl der erwähnte Infrastrukturanbieter zu werden, gleichzeitig aber weniger Kritik auf sich zu ziehen (die ja in vielen Punkten ansetzt, nicht nur in Bezug auf den IPO)
    Darüber könnte man sachlich und konstruktiv diskutieren. Aber nicht über pauschales Beklagen darüber, wie alle (außer man selbst) in der Analyse von Groupon versagen.
    @christophkappes meinte gestern in einem Tweet „man muss bei Groupon zwischen Geschäftsmodell und Geschäftsgebahren unterscheiden“. Das bringt die Problematik meines Erachtens nach auf den Punkt. Die Sichtweise, lediglich auf die Zahlen zu schauen, blendet jedoch das Geschäftsgebahren komplett aus. Dieser Ansatz ist mir zumindest zu eindimensional. Er eignet sich vielleicht für kurzfristige Börsenzocker, aber nicht für die Bewertung eines tatsächlichen Zukunftsunternehmens.

  2. Zum einen beklage ich nicht „pauschal“, sondern bedauere, dass sich „die wenigsten“ mit dem Geschäftsmodell und den Businesspotenzialen von Groupon auseinandersetzen. Aber ich verweise ja in diesem und in den vorhergehenden Beiträgen auch genau auf die (wenigen), die das tun.
    Nichtsdestotrotz ist die „Berichterstattung“ über Groupon haarsträubend und bedauernswert oberflächlich, weil viele nicht unterscheiden können oder wollen, was ein Startup als Wachstumsunternehmen von einem alteingesessenen (und entsprechend seriös agierenden) Unternehmen unterscheidet, sondern einfach nur auf der Groupon-Berichterstattungswelle mitschwimmen wollen.
    Ich kann ja jeden verstehen, der mit Groupon nichts am Hut hat, und es gibt Dutzende von guten Gründen, wofür man Groupon kritisieren kann. Und natürlich kann man sich am Geschäftsgebahren aufhängen. Das haben wir ein, zweimal getan, aber das ist erstens nicht unser zentrales Thema, und zweitens was kann Groupon dafür, dass die Samwers an Bord sind.
    Bei Exciting Commerce halten wir es ganz einfach. Über Unternehmen und Themen, die wir für grundsätzlich schwachsinnig und/oder verwerflich halten, schreiben wir nicht, auch wenns manchmal schwer fällt, weil man sich natürlich mit Negativkritik an Startups weitaus besser profilieren kann als mit Potenzialabschätzungen im Rahmen einer Positivliste.
    Wenn wir aber über ein Startup/Unternehmen schreiben, dann ernsthaft. Wir haben kritisiert, dass Groupon personalisierte Angebote eingeführt hat, und beurteilen auch andere Entwicklungen durchaus skeptisch. Strategisch macht Groupon aber vieles richtig, auch wenn wir die Geschäftspraktiken nicht gutheißen und es an der ein oder anderen Stelle holpert.
    Das heißt nicht, dass Groupon ein Selbstläufer ist, aber dass sich Startups in strategischer Hinsicht von Groupon jede Menge abschauen können.
    Aus meiner Sicht ist es auch nicht wichtig, ob und wieviele Kritiker es gibt, sondern wie fundiert der eigene Erkenntnisprozess erfolgt. Und da wir Groupon (und auch die angrenzenden Geschäftsmodelle) im Gegensatz zu vielen anderen von Anfang an verfolgen, trauen wir uns da einfach zu, fundierte Einschätzungen zu geben.
    Das magst du „arrogant“ nennen, aber Exciting Commerce wird ja nicht gelesen, weil es das nachplappert und wiederkäut, was andere sagen oder was gerade opportun ist, sondern weil es eine eigene Perspektive entwickelt, die in der Regel nicht dem Mainstream entspricht.
    Entsprechend wirst Du auch sehen, dass wir auf ernsthafte Argumente und fundierte Analysen von Geschäftsstrategien jederzeit referenzieren. Aber eben nicht auf die übliche Schelte an Wachstumsunternehmen/-Strategien.
    Ansonsten: Im Gegensatz zu anderen berichten wir auch nicht wegen des Börsengangs über Groupon, sondern weil uns der Börsengang nun endlich einen tiefergehenden Einblick in die Geschäftszahlen und die Unternehmensstrategie erlaubt.

  3. sorry, aber das klingt sehr nach „die sind alle blöd und wollen meinem Groupon etwas“ – wieso hängst Du dich so beim Groupon rein?

  4. Weil das Geschäftsmodell spannend ist und ich verstehen will, wie und unter welchen Bedingungen es funktioniert.

  5. Hallo Jochen,
    ich sehe das Thema nicht ganz so kritisch, und ob Wachstum erkauft ist oder nicht hat bisher den Markt noch nie interessiert. Die Zahlen wären auch für den ganzen Exit-Hype weniger relevant. Da Du Dich aber auch in der Investment, VC und Exit Szene genauso rumtreibst sehe ich woanders ein größeres Problem und daran stosse ich mich sehr bei der hohen Bewertung: In der Regel lassen sich nur Geschäftsmodelle hoch bewerten, wo Skalierungseffekte möglich sind. Diese wären durch eine Technologie (-Plattform) gegeben, nehmen wir mal AdWords oder im Kleinen ein Basecamp etc., heißt die Umsätze steigen bei sinkenden Vertriebs- und Marketingkosten. Im Idealfall kommen keine weiteren Vertriebsaufwände hinzu.
    Es ist bis dato aber nicht vorgekommen (oder äusserst selten), dass Business Modelle hochgejubelt werden, die so gut wie nur über den Sales funktionieren und skalieren. Nimmst Du die guten Salesmitarbeiter weg, stirbt das Model. Das Produkt wären dann nur die Mitarbeiter. Das Model ist sicher solide, aber hier in Ligen oberhalb Skype oder auch nur ansatzweise Richtung Facebook zu bewerten, halte ich für sinnfrei, da ich hier nicht mehr als einen Umsatzmultiple von 2-3 sehen würde. Eine solide Bewertung entspräche dann ja auch nur ein paar Milliönchen. Ansonsten muss der proof-of-concept geliefert werden, dass noch ein anderes Geschäftsmodell dahinter steckt, das größer ist als das bisherige Vertriebsmodell. Daher finde ich auch die angemerkten 400 City Planner sehr negativ, da es zeigt, dass Groupon nicht skaliert über die Plattform sondern nur über Ressourcen. Das war ja auch der schöne Kniff von Marc und Oli, nur das dann die meisten gehen mussten als der Exit geklappt hat. Ich bin insofern skeptisch, die Zahlen sind mir egal, ich halte einfach das Model für nicht „groß“ genug…

  6. Na na, ein guter Cityplanner kann das Fünf- bis Zehnfache herausholen ;-)
    Aber im Ernst: Groupon baut ja parallel eine stark verästelte Infrastruktur auf, über die sich nicht nur lokale Deals, sondern auch alles mögliche andere (der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt) abwickeln lassen. Da sehe ich die eigentlichen Skalierungseffekte.
    Bei Facebook wusste man anfangs auch nicht, dass nicht die Ads, sondern die virtuellen Güter aus den Social Games eine Top-Umsatzquelle sind, deshalb bin ich ein großer Freund von (wie auch immer gearteten) Plattformen, die sich universell nutzen lassen. Und hier ist Groupon definitiv dabei.

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