Buch/Handel 2020: Vor- und Feindbilder für die Buchbranche

von Matthias Hell

„Verlage sind schon heute definitiv nicht mehr nötig.
Autoren können ab sofort auswählen – und dabei womöglich die Vorteile der
Arbeitsteilung erkennen. Verlage verlieren durch diese Wahlmöglichkeit ihr
Türhütermonopol und werden zu Edel-Dienstleistern. Wir werden uns anstrengen
müssen.“

Diese unsentimentale Einschätzung stammt nicht von irgendeinem
Selfpublishing-Autor, sondern von Jo Lendle, dem designierten Chef des Hanser-Verlags.
Wie Lendle in einem Vortrag auf der Konferenz LiteraturFutur erklärte, mache es
aus seiner Sicht für etablierte Verlage wenig Sinn, mit neuen Publishing-Formen
zu konkurrieren. Stattdessen gelte es das eigene Leistungsprofil zu schärfen.
(via Literaturcafe.de)

Selfpublishing

Egoisten? Futurebook
setzt sich mit Stimmen auseinander, die Selfpublishing-Autoren vorwerfen, das
traditionelle Gefüge der Verlagsbranche aus der Balance zu bringen:

„Publishing,
they point out, has always worked on an eighty twenty rule, where the
profitable twenty percent of books pay for the unprofitable eighty. (…) Self
published authors – the successful ones – remove themselves from this eco
system and so, the argument runs, also remove their subsidy from all those
deserving writers who struggle to find a readership – the literary, the
unfashionable and the new.

[But] Publishers
are squeezing the e-book orange for all that it is worth and the profits are
flowing. Is there any evidence whatsoever that they are investing any of that
extra revenue in new, interesting voices? Not much, no.”

Individualisten!
Die wahre Motivation der Selfpublisher verdeutlicht dagegen eine aktuelle
Umfrage von Digital
Book World
. Demzufolge steht hinter der Entscheidung für die Option
Selfpublishing an erster Stelle der Wunsch nach mehr kreativer Kontrolle. Es
folgen bessere Verdienstmöglichkeiten und die Vereinfachung des Veröffentlichungsprozesses.

Neue Vertriebsmodelle

PaperC: Durch
eine Kooperation mit Springer Science+Business Media kann die Berliner
E-Book-Plattform PaperC ihr Angebot um weitere 11.000 Titel ausbauen.
Gleichzeitig gibt es Veränderungen beim Geschäftsmodell: Statt Flatrate heißt
es jetzt „pay as you read“. (via Buchreport)

Rowohlt: Auch der
Traditionsverlag Rowohlt startet mit E-Book-Only-Veröffentlichungen. Der
Verlag, der einst dem Taschenbuchformat in Deutschland zum Durchbruch verhalf,
setzt dabei auf Kurzformate für zwischen 0,99 und 1,99 Euro. (Pressemitteilung)

Struktureller Wandel

Samsung: Der auch
im Tablet-Bereich erfolgreiche Smartphone-Marktführer will dem Vorbild von
Apple und Sony folgen und selbst ins E-Book-Geschäft einsteigen. Mit den
Verlagen führt Samsung diesbezüglich bereits Gespräche. (via Digital Book World)

Fanfiction: Der Start
der Amazon-Plattform Kindle Worlds (siehe auch „Kindle Worlds
und der nächste Geniestreich von Amazon“
) warf bereits ein Schlaglicht auf
die große Bedeutung des Fanfiction-Segments. Der darauf spezialisierte
Publishing-Dienst Wattpad unterstreicht dies nun mit einer eindrucksvollen Infografik. (via The
Digital Reader
)

Amazon: Für
mehrere Millionen Britische Pfund baut Amazon einen neuen Hauptsitz mitten im
Zentrum von London. Wie es sich für ein Buchmagazin gehört, hat sich Publishing
Perspectives
an einer Exegese des künftigen Amazon-Standorts versucht – und
kommt angesichts der vielfältigen literarischen Bezüge der Umgebung zu einem
eindeutigen Ergebnis:

„Amazon’s
Huge London HQ Says ‘Publishing Revolves Around Us Now’“

Discoverability

Evoke wurde am
Rande der BookExpo America aus dem Kreis der sechs Finalisten zum Gewinner des
New Yorker Publishing-Hackathons für Buchempfehlungen gekürt. Das Startup
erstellt automatisierte Leseempfehlungen auf Basis der Eigenschaften von
Buchprotagonisten. (via Forbes)

Goodreads: Am International
Digital Publishing Forum hatte Goodreads-CEO Otis Chandler einen seiner ersten
großen Auftritte seit der Übernahme durch Amazon. Chandler geht davon aus,
seine Buch-Community weiterhin selbstständig leiten zu können und plant die
Einführung neuer Funktionen und APIs. (via Good
eReader
)

Unter der Rubrik Buch/Handel 2020 bringen
wir jede Woche das Spannendste zu
den strukturellen Umbrüchen in der Buchbranche
(„Buchlos in die Zukunft“).

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Buchhandel

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