Rocket Internet und das Ende der Proven Winners

„Alles auf Food“, heißt die Rocket-Devise inzwischen – mit Hellofresh („Hellofresh wächst auf 305 Mio. € (+338%), mit 120 Mio. € Marketingpush“) und Delivery Hero als den aktuell einzig wirklichen Börsenaspiranten im Portfolio. Eine Devise, die beileibe nicht allen schmeckt („Wenn Kinnevik Rocket Internet den Rücken kehrt“).

Nachdem die bisherige Strategie nicht aufgegangen ist und weder „Proven Winners“ noch „Emerging Stars“ fruchten konnten, übt Rocket Internet im Geschäftsbericht 2015 (PDF) eine Art strategischen Neuanfang – mit einigen, wenigen „auserwählten“ Unternehmen und Beteiligungen:

rocketportfolio

Ausgedient haben bei Rocket Internet 2016 nicht nur die Proven Winners, sondern auch der Last Portfolio Value (LPV) als Erfolgskriterium. Stattdessen liegt der Fokus nun auf der Umsatzentwicklung:

rocketportfoliorev

Gespannt kann man vor allem sein, was nun aus Kinneviks Rocket-Kreation, der Global Fashion Group, wird („Global Fashion Group: Mit Überbrückungskrediten zur 300 Mio. € Runde“).

GFF2016

Sollte die nicht zuletzt bewertungsseitig darniederliegende GFG die Kurve einigermaßen kriegen, könnte ein Zalando relativ günstig den Zuschlag erhalten, z.B. im Rahmen eines Trade Sales.

Für Lazada und das „General Merchandise“-Segment ist der Exit an Alibaba bereits vorgezeichnet. Wie den jüngsten Kinnevik-Unterlagen (PDF) zu entnehmen ist, soll die Übergabe im Frühjahr/Sommer 2017 erfolgen:

lazadakinnevik

Mit den Perspektiven für Westwing und Home24 hatten wir uns bereits gesondert befasst („Sind Home24 und Westwing zum Scheitern verurteilt?“).

Trüb sind die Rocket-Aussichten nicht zuletzt auch im Bereich „New Businesses & Investments“, wo viele Altlasten schlummern. Entsprechend viel steht auch hier zur Disposition:

„Regarding New Businesses & Investments, Rocket Internet Group expects a considerable increase in consolidated revenue for the financial year 2016 for those companies that continue to be fully consolidated after December 31, 2015.

Overall, due to deconsolidation of Kanui and Tricae (in September 2015), the sale of Bonnyprints (in January 2016), La Nevera Roja and Pizzabo.it (in February 2016) and some other former subsidiaries (Zencap, Nestpick, Spotcap, Clickbus Brazil, Zocprint), shutdowns (Airu, Tripda, Kaymu, Vendomo, Spaceways, Shopkin, EatFirst Germany), and a possible selling of further subsidiaries, a sharp decrease in consolidated revenue is forecast for the financial year 2016.

Due to the expansion strategy of current and new subsidiaries, negative operating results (EBIT) are expected in the area New Businesses & Investments for 2016.“

Nachdem fast alle Neustarts der letzten Zeit gefloppt sind, ist die Pipeline inzwischen schwächer denn je („Könnte Project A Ventures Rockets Nachschubprobleme lösen?“). Doch hier soll der neue Capital Partners Fonds Abhilfe schaffen („Rocket präsentiert Kinnevik-Ersatz-Fonds über 420 Mio. Dollar“). Siehe die zugehörige Fonds-Präsentation (PDF).

Nach dem Börsenabsturz („Rocket Internet und das verkorkste (Börsen-)Jahr 2015″) und einer Börsenbewertung von zuletzt nur noch gut 3 Mrd. Euro steht Rocket Internet allerdings heute besser da denn je, betrugen doch alleine die Cashreserven zum Jahreswechsel 1,8 Mrd. Euro.

Insofern muss man Rocket Internet nicht abschreiben, sondern kann gespannt verfolgen, wie Rocket Internet aus seiner selbst geschaufelten Grube herauskommt. Nachdem man größere Zukäufe fürs erste ausgeschlossen hat, bleiben die Möglichkeiten allerdings beschränkt, um die Phantasie der Investoren neu zu wecken.

Mehr zur Lage von Rocket Internet gab es kürzlich auch in einem spannenden Rockstars-Podcast („Der Rockstars Podcast nimmt Rocket Internet unter die Lupe“).

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Samwer Report, Shopboerse

12 replies

  1. Endlich mal auch eine kritischer Betrachtung von RI. Merci!

  2. Dazu ein Zitat von O.S. aus der Süddeutschen:

    „Schauen Sie sich alleine dieses Jahr an, da ist die Rocket-Internet-Aktie rauf und runter gegangen, vielleicht 50 Prozent Kursschwankungen in nur vier Monaten. Ich kann Ihnen eines sagen: Unsere Firma verändert sich in vier Monaten nicht um 50 Prozent.“
    Oliver Samwer, Vorstandschef von Rocket Internet, hadert mit der Entwicklung des Aktienkurses.

    So eine Aussage ist zumindest mutig. Wenn man von einem Tag auf den anderen 2 Mrd. € Bewertung einen Portfolio-Unternehmens vom Tisch nimmt, hat sich Rocket tatsächlich verändert und es ist ein Wunder, dass es da nur 20% abwärts ging.
    Ganz zu schweigen, von den vielen anderen Abwertungen / Konsolidierungen / Geschäftsaufgaben, die in den letzten 4 Monaten bei RI stattgefunden haben.
    Ich würde schon sagen, dass RI heute nur noch die Hälfte dessen wert ist, was zum Börsengang bezahlt wurde.
    Lustigerweise würde er bei einem plus von 100% nicht den gleichen Satz sprechen. ;-)

  3. Rocket Internet hat per Adhoc-Meldung den Mega-Verlust bekanntgegeben: 617 Mio im ersten Halbjahr 2016 – vor allem durch Wertberichtigungen auf die Modefirmen der Global Fashion Group. Das ist Wasser auf die Mühlen aller Leute, die noch nie etwas vom Gerede von „Proven Winners“ gehalten haben. Ob Rocket nach Windeln.de nun auch zum Sanierungsfall wird?

    Offiziell macht man allerdings weiter auf Optimus: „Ungeachtet dieser Sondereffekte hält Rocket Internet weiterhin an den ausgegebenen Zielen fest“, sagt Oliver Samwer, CEO von Rocket Internet. „Nach wie vor erwarten wir, dass bis Ende 2017 mindestens drei unserer Beteiligungen profitabel sein werden, und die aggregierten operativen Verluste unserer wesentlichen Beteiligungen 2015 den Höchstpunkt hatten.“

    So berichtet das Handelsblatt: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/rocket-internet-schreckensnachricht-um-mitternacht/14492162.html

  4. Rocket hat heute bei der Global Fashion Group nur nachvollzogen, was Kinnevik schon vor gut 4 Monaten getan hat:

    https://excitingcommerce.de/2016/04/27/global-fashion-group-mit-uberbruckungskrediten-zur-300-mio-e-runde/

    • Nur ist gut. Mal eben pro Monat 100.000.000 € zu verbrennen ist selbst für die „Gallionsfigur der deutschen E-Commerce-Szene“ sportlich. Es ist nur eine Frage der Zeit bis das gesamte Kartenhaus zusammenbricht und einen riesigen Scherbenhaufen hinterlässt. Mal eben Millarden in Geschäftsmodelle stecken und dann später erst merken, dass nichts davon skaliert und langfristig Gewinne machen kann. Aber das private Kapital anstatt in den hochgelobten E-Commerce schön in Betongold stecken. Ein Trauerspiel mit 7 Akten!

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