The Oryx Project: Hat Otto die Samwer-Crew aktiv angeworben?

Was steckt wirklich hinter dem Oryx-Projekt? Bisher las sich die Oryx-Story so: Ein paar langgediente Samwer-Getreue werfen entnervt das Handtuch und suchen sich potente Kapitalgeber, um ihr eigenes Rocket Internet aufzuziehen.

Aber spätestens seit bekannt ist, dass der Otto-Konzern hinter dem Projekt steckt – und zwar nicht der Beteiligungsarm, sondern das Corporate-Geschäft, ist diese Geschichte so nicht mehr haltbar.

Denn warum sollten verdiente Samwer-Leute plötzlich ein Problem mit den Launen eines Oliver Samwer haben – mal abgesehen davon, dass er ihnen damit in schöner Regelmäßigkeit die besten Talente vergrault?

Und dass der Otto-Konzern (jenseits von eVenture Capital) in Geschäfte investiert, zumal – wie Spiegel Online kolportiert – "einen hohen zweistelligen Millionenbetrag", die er nicht kontrollieren kann, wäre ein absolutes Novum.

Wahrscheinlicher ist deshalb, dass Otto die Samwer-Crew aktiv angeworben hat – und ihnen genau die Rahmenbedingungen geboten hat, die sie sich wünschen: Unter welchen Bedingungen wärt Ihr bereit für die Otto Group zu arbeiten? Und was ist Euer Preis? Genau so wirkt dann auch die aktuelle Selbstdarstellung des Oryx-Projects: traumhaftere Bedingungen kann man sich kaum wünschen.

Wie so viele hat Otto die Samwer E-Commerce Offensive lange Zeit nicht ernst genommen. Anfangs war man auch in der Otto-Führung geneigt, Zalando als weiteres Samwer-Windei abzutun. Doch mit der Zeit wuchsen die Kopfschmerzen. Denn Otto ist einer derjenigen Wettbewerber, die die Samwers übertölpeln wollten:

"We are coming late, so we need to be the most aggressive, so aggressive that every competitor is surprised because he cannot imagine that we are SOO aggressive."

Der Augenöffner und der eigentliche Auslöser für die aktuelle Offensive dürfte für die Otto-Führung das Heinemann-Video gewesen sein. Dort verrät Rocket-Geschäftsführer Florian Heinemann Brancheninsidern zwar nichts wahnsinnig Neues über zeitgemäßes (Online-)Marketing.

Aber allen, die es gesehen haben, wird urplötzlich klar, dass hinter Zalando doch mehr stecken könnte als das viel beschworene Marketingphänomen. Den Professionalitätsgrad von Rocket Internet haben viele unterschätzt, die Online-Handel im Nebengeschäft betreiben.

Man kann sich also vorstellen, wie die Otto-Verantwortlichen Thomas Schnieders, Rainer Hillebrand und Hans-Otto Schrader sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt haben, um die Samwer-Crew für sich zu gewinnen.

Otto-Sprecher Thomas Voigt macht im Interview mit etailment auch keinen großen Hehl daraus, dass "der Kampf um die besten Leute" für Otto ein wesentlicher Punkt war:

"Die Otto Group verspricht sich davon Lösungsbeiträge für zentrale Herausforderungen des Unternehmens, indem wir frühzeitigen Zugang zu Ideen, erfolgversprechenden Geschäftsmodellen und qualifizierten, unternehmerisch denkenden Talenten aus dem Business- und Technologiebereich erhalten."

Der Otto-Konzern kann oft nicht so, wie er gerne wollte. Denn der Konzern bekommt für sein Kerngeschäft nicht die jungen, hungrigen (Online-)Macher, die er so dringend bräuchte. Und so löst Otto mit der Oryx-Truppe vor allem auch sein eklatantes Personalproblem.

Insofern ist das Oryx-Project (nicht nur für Otto) doppelt spannend, weil es zum einen eine Kampfansage an die Samwers ist, viel wichtiger aber, weil es ein neuer Magnet für unternehmerische Talente ist, die von Oliver Samwer gefrustet sind. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn die Ex-Rocket-Leute ihr Netzwerk aktivieren.

Frühere Beiträge zum Thema:



Kategorien:Samwer Report, Shopboerse, Ultimondo, unlimited

13 replies

  1. Ich würde mir sehr wünschen, dass es so ist, wie Du sagst, nämlich dass Otto erkannt hat, dass eCommerce- Erfolg von der Qualität der eigenen Mitarbeiter abhängt. Dennoch wäre dann die Akquise der Samwer-Kollegen nur ein erster Schritt, denn ins operative Geschäft von otto.de werden die Kollegen kaum einsteigen (Geht auch organisatorisch gar nicht).
    Und für den Sog-Effekt ins operative Geschäft wären nachwievor veränderte Rahmenbedingungen dringend erforderlich: echte eCommerce-Zentriertheit, attraktive Aufgaben und Karrierechancen und die Bereitschaft, Qualität von außen auch mal teuer einzukaufen. Denn gute Leute sollte man nicht nur akquirieren, sondern auch halten können.
    Wenn dazu das Video von Florian Heinemann auf der Next beigetragen hätte, umso schöner :-)

  2. Und ich würde mir wünschen, dass die Formulierung bezüglich der Otto-Mitarbeiter etwas differenzierter erfolgt. Es gibt sehr wohl sehr kompetente, junge und hungrige Mitarbeiter im Online-Bereich (wenn auch nicht nur). Es ist nur etwas schwierig, erstens diese zu halten und den hohen Personalbedarf zu decken und zweitens deren Ideen in vertretbarer Zeit in dem Umfeld eines Großunternehmens mit immer noch etwas veralteten Strukturen umgesetzt zu bekommen.
    Das Problem liegt also meiner Meinung nach nicht in der Mitarbeiter-Qualifikation sondern in der Organisation und den daraus resultierenden Prozessen. Deshalb werden innovativere und flexiblere Ansätze außerhalb der originären Otto-Organisation umgesetzt.
    Ich wollte damit vor allem eine Lanze für die Otto-Mitarbeiter brechen, obwohl ich selber schon lange keiner mehr bin.

  3. schöner langer artikel voll von mutmaßungen – die otto verschwörung – oder was?
    wie wärs mal mit dem ganzen einfachem, dem naheliegenden -> EGO.
    die jungs wollen nicht mehr 2 liga sein, und ewig darauf warten partner zu werden… thats it…

  4. Bei der Ursachenforschung für den Deal kann ich nicht helfen, aber dieser Schachzug von Otto ist sehr sehr smart. Hut ab. Gratulation nach HH.

  5. das ist der größte bullshit den man so schreiben kann!!!

  6. hallo aetze,
    wer ist „man“
    wer ist „man so “
    was ist „schreiben kann !!!“
    ………und wenn schon so, dann aber besser aetze’n
    Wir alle in Berlin wissen doch, dasss die einzig, beste social competion auf den Berliner Club/Party/Klos abgeht.
    was da so Morgens in die Schüssl an Wahrheiten rausgekozt wurde,
    war Monate später ein zalando, ;-)
    Gerade jetzt.. 5000 Mode/Fashion/eComerce / Event/Partys in Berlin Fashion Town, da entstehen gerade 100 neue Zalandos ;-)

  7. Ein Blick in das Handelsregister von Rocket Internet zeigt auf, dass Christian Weiss vom Juli 2008 bis Dezember 2010 gar nicht als Geschäftsführer bestellt war. In dieser Zeit sind jedoch die erfolgreichen Startups wie Zalando, Edarling und Groupon aufgebaut worden. In der Zeit (2008-2010) hat sich Weiss mit seiner Eigengründung gimigames beschäftigt.
    U.Horstmann und T.Sander haben auch nicht an den genannten Projekten mitgearbeitet, daher könnte Otto möglicherweise einen Irrtum aufgesessen sein und sich die falschen Leute für neue E-Commerce Projekte eingekauft haben.

  8. @Kinuwada: Was nach Aussen kommuniziert wird und dann intern bei Rocket passiert sind zwei ganz verschiedene paar Stiefel. Jeder der etwas näher am Rocket Umfeld dran ist, kann dir bestätigen was für eine wichtige Schlüsselrolle Christian Weiss bei dem Aufbau der von dir genannten Firmen hatte.

  9. Das Problem liegt liegt nicht nur an der Qualifikation der neuen Samwer-Crew, sondern an deren Ideen und Innovationsreichtum. Innovationen bestehen nicht aus der Erneuerung von Copycats, sondern außerhalb alter verkrusteter Strukturen und erlernter Prozesse. Die Kunst dabei, ist im Vorfeld ein erfolgsversprechendes Geschäftsmodell zu erkennen bevor es der Wettbewerb erkennt. Hier haben die Samwers meist eine gut Nase gehabt. Wie wärs mit einer Pull-Strategie,
    was eine nachfragegetriebnene Produktentwicklung charakterisiert und wenn gut gemacht, betriebswirtschaftlich unschlagbar. Ein solches Modell passt warscheinlich nicht in das Beuteschema von Otto, denn es würde alte Strukturen völlig auf den Kopf stellen.

  10. Spekulation hin oder her. Interessant ist doch, dass wir jetzt schon drei Handelsriesen in Deutschland haben, die sehr interessante E-Commerce Strategien entwickeln. Nach Tengelmann und Media Saturn stösst Otto jetzt mit einem innovativen Ansatz in das Internet vor. Alle anderen großen Händler befinden sich leider noch im Tiefschlaf oder sitzen den Multichannel-Beratern auf wie beispielsweise Douglas, hier im Blog gut nachlesbar.

  11. @Karsten: „Interessant“ ist eine durchaus breit auslegbare Wertung. Insbesondere für die MSH Strategie

  12. @Karsten sehe ich absolut genauso
    @Alex man sollte MSH nicht unterschätzen. Sie haben mit der unerwarteten Redcoon-Übernahme und der versuchten iBOOD/reBuy-Übernahme durchaus Bewegung in den Markt gebracht und den ein oder anderen Händler zum Überdenken seiner Strategie gebracht.
    In strategischer Hinsicht verspricht 2012 ein sehr spannendes Jahr zu werden.

Trackbacks

  1. e.ventures: Otto verstärkt sich mit ehemaligen Rocketkräften | 10 Jahre Exciting Commerce

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